Queer – Vielfalt ist unsere Natur

Bild: @ NMBE / Rodriguez

von Julia Sutter

Ausstellung

Jahrhundertelang stand fest: Mann liebt Frau und Frau liebt Mann. Gleichgeschlechtliche Beziehungen waren tabu. Doch mittlerweile sind wir, endlich, in einem Zeitalter, in dem diese strikten Kategorien bröckel. Der Begriff queer steht für sexuelle wie auch geschlechtliche Vielfalt. Die Queer-Ausstellung im Naturhistorischen Museum zeigt, dass diese Vielfalt nicht nur beim Menschen, sondern auch in der Tierwelt existiert. Ausserdem schlägt die Ausstellung eine geschickte Brücke zwischen biologischen Erkenntnissen und gesellschaftlich aktuellen Themen.

Für den Rundgang bekomme ich von der Dame am Ticketschalter ein Expeditionsheft. Dann geht es auch schon los. Die Ausstellung ist in verschiedene Bereiche eingeteilt. Angefangen mit dem „Dschungel der Geschlechter“, wo die Geschlechtervielfalt bei Tieren gezeigt wird. So gibt es z.B Zwitter, die beide Geschlechter in sich tragen, transsexuelle Clownfische oder Komodowarane, die asexuell sind und sich selber fortpflanzen. Ebenso wird das homosexuelle Verhalten in der Tierwelt dargestellt. Bei wohl allen sozialen Tieren kann homosexuelles Verhalten beobachtet werden. Homosexualität hat also nichts „abnormales“ an sich.

Der zweite Bereich beschäftigt sich mit den „Körperwelten“. Die Unterschiede zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität werden anschaulich erläutert. Das nächste Thema, mit dem sich die Ausstellung beschäftigt sind „Kräfte“: Diejenigen Kräfte, die aus gesellschaftlichem Wandel entstehen. Queerness erzeugt nämlich viel positive Energie, was sich vor allem in Kunst und Kultur zeigt. Doch auch die destruktiven Kräfte werden beleuchtet. Andersartigkeit erzeugt in einer Gesellschaft immer auch Abwertung, Hass und sogar Gewalt. Vor allem in westeuropäischen Ländern haben queere Menschen glücklicherweise einiges an Rechten und Akzeptanz gewonnen. Doch weltweit ist Homosexualität in 70 Ländern immer noch unter Strafe gestellt. Eine schockierende Zahl.

Es gibt eine Wand, an der Alternativen zu unangenehmen und verletzenden Bemerkungen oder Fragen gezeigt werden. Anstatt zu fragen „Bist du ein Mann oder eine Frau?“, kann man zum Beispiel nach den Pronomen einer Person fragen. Für den letzten Bereich muss man Treppen steigen. Die Absätze zeigen dabei wichtige Ereignisse auf. 1990 zum Beispiel; die WHO streicht die Homosexualität von der Liste der Krankheiten.

Das letzte Thema also: die Zukunft. Dabei werden Gedanken und Hoffnungen über Geschlecht und Sexualität geteilt und Videos von queeren Menschen und deren Geschichte geteilt. Die Ausstellung verlässt man dann durch eine von drei Türen, je nach dem wie viel man gelernt oder mitgenommen hat. 

Durch den ganzen Rundgang begleitet einen das am Anfang erwähnte Expeditionsheft. Die Seiten sind sehr unterschiedlich designed. Es wurde mit vielen Farben und Formen gearbeitet, was die Ausstellung ganz gut widerspiegelt. Im Heft befinden sich verschiedene Aktivitäten, die man während dem Besuch ausführen kann. So gibt es einen Posten, wo man entscheiden kann, welches Tier man gerne wäre, und dieses stempelt man dann in sein Heft. Weiter gibt es ein Identitätsquiz, das ähnlich wie „Wer bin ich“ funktioniert, nur eben mit Sexualitäten. Es gibt Seiten mit Stickern, die man beschreiben und dann an verschiedene Wände kleben kann. Eine Wand fragt danach, ob man Eigenschaften hat, die man eher einem anderen Geschlecht zuordnen würde, eine andere fragt, ob man schon einmal queere Fantasien hatte. An die letzte Wand kann man Wünsche an die künftige Gesellschaft stellen. Der Rest des Heftes ist mit einem Fragebogen gefüllt, den man ausfüllen kann, um sich selber zu „erforschen“. Man kann ihn zuhause oder direkt in der Ausstellung bearbeiten. Es gibt Fragen, über die eigene Sexualität und über das eigene Geschlecht sowie Fragen über das eigene Umfeld. Die letzte Doppelseite ist gefüllt mit queeren Vorbildern wie Elton John, Lady Gaga oder Miley Cyrus. Auf der Rückseite befindet sich dann noch ein kleines Glossar, das Begriffe wie Queer, Cis und nicht-binär noch einmal erläutert. 

Reflexion

Die Ausstellung war sehr interessant aufgebaut. Obwohl sich die Ausstellung eigentlich mit Queerness in der Tierwelt befasst, ist doch ziemlich klar, dass auch ein politischer bzw. gesellschaftlicher Aspekt angesprochen werden will. Dies wurde sehr clever gemacht. Den religiösen Zusammenhang habe ich anfangs nicht gesehen, denn direkt angesprochen wird er nicht. Doch es ist wohl allseits bekannt, dass geschlechtliche sowie sexuelle Vielfalt auf den ersten Blick keinen guten Stand in den meisten Religionen hat. Doch ist das wirklich so?

In der Ausstellung wurden einige Fragen durch ExpertInnen beantwortet. Professor Mathias Wirth, ein Theologe und Philosoph, beschäftigte sich mit der Frage „Wie queer ist die Bibel?“, was mich sehr interessiert hat. Der Professor meint, dass es darauf ankommt, wie man die Bibel liest. Denn eine klare Aussage, dass Homosexualität eine Sünde ist, findet man nicht. In Vieles wird etwas hinein interpretiert, was eigentlich gar nicht da steht.

Ich persönlich denke, dass Gottes Segen nicht an Heterosexualität hängt. Viel mehr kommt es auf den Menschen unabhängig von Sexualität und Geschlecht an. Ebenso finde ich viele „Argumente“, die beweisen wollen, dass Homosexualität gegen Gottes Willen sei, sehr widersprüchlich. Wenn ich etwas aus Religion mitnehme, dann ist es, seine Mitmenschen zu lieben, wie sie sind, denn schliesslich hat uns Gott so erschaffen. Da ist es doch widersprüchlich, eine bestimmte Minderheit zu diskriminieren, weil sie eben anders ist. Vor allem empfinde ich es so, dass viele Menschen Religion als Vorwand nehmen, homophob zu sein. Denn genauso ist Lügen oder Stehlen eine Sünde, in einigen Religionen ist es verboten, Alkohol zu trinken. Und trotzdem gibt es viele Menschen, die sich nicht daran halten. Diese werden aber nicht diskriminiert oder ausgeschlossen.

Auch ansonsten war die Ausstellung sehr lehrreich. Was mich persönlich aber gestört hat war, dass es keine klare Struktur oder einen klaren Weg gab, wie man die Ausstellung besuchen sollte. So hatte ich immer das Gefühl, ich würde etwas verpassen oder nicht sehen. Doch dies ist natürlich eine sehr individuelle Meinung. 

Das Expeditionsheft hat mir sehr gefallen. Ich finde, dass es einen sehr gut durch die Ausstellung leitet und den Rundgang interaktiver macht.

Abschliessend kann ich sagen, dass ich die Ausstellung „Queer – Vielfalt ist unsere Natur“ nur empfehlen kann. Es ist ein sehr lehrreicher Rundgang, der spannend und kreativ aufgebaut ist und auch interaktive Elemente bietet. Es werden politische und gesellschaftliche Themen angesprochen und mit der Tierwelt verbunden. Die Ausstellung ist noch bis am 19.03.2022 besuchbar. Wer sie also noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt noch nachholen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.