Raum der Stille

Bild: sub.unibe.ch

von Yael Bloch

Raum der Stille

Ein Ort der Begegnung, Akzeptanz und Vielfalt. Menschen aus aller Welt und jeder Religionszugehörigkeit sind herzlich eingeladen, den Raum der Stille zu besuchen und zu benutzen. Im Raum der Stille treffen verschiedene Kulturen und Glaubensrichtungen aufeinander, mit einer Gemeinsamkeit: der Wunsch in sich einzukehren und/oder beten zu können. In vielen Religionen ist das Beten ein wichtiger Bestandteil der Religion. So soll man im Judentum drei Mal beten, der Islam schreibt sogar vor fünf Mal am Tag zu beten, im Alevitentum ist beten keine Pflicht aber eine Option und auch im Hinduismus gibt es keine klaren Gebetszeiten, jedoch oftmals das Verlangen mit den Göttern zu sprechen. 

Interreligiöse Räume finden sich mittlerweile in einer Vielzahl von öffentlichen und halböffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen, Flughäfen, Krankenhäusern, Universitäten und mehr. Im Gegensatz zu Gotteshäusern, die meist im Zentrum von Städten und Dörfern angesiedelt sind, befinden sich solche interreligiösen Räume oft eher in Randgebieten. Häufig ist es im stressigen Berufsalltag oder Schulalltag nicht möglich, mehrmals täglich in ein G’tteshaus zu beten, deshalb werden Räume errichtet, die jeder Glaubensrichtung das Beten vor Ort ermöglicht.

Interreligiöse Räume scheinen Antworten auf eine zunehmend globalisierte Welt zu geben, die zahlreiche Kulturen und ihre Religionen zusammenbringt. 

Die Räumlichkeiten sind meist schlicht und einfach eingerichtet. So besitzt zum Beispiel der Raum der Stille in der Universität Luzern Sitzkissen und Sitzbänke, einen Teppichboden und sogar einen Beamer für geführtes Meditieren oder ähnliche Anlässe. Die zum Beten oder meditieren nötigen Materialien wie Gebetsbuch oder besondere Kleidung ist selbst mitzubringen und steht meist nicht zur Verfügung. Durch das Schlichthalten wird gewährleistet, dass sich alle wohlfühlen können. Dies bedeutet, dass es keine religiöse Zeichen oder Bilder hat, bei einigen stehen die Symbole der Weltreligion an der Tür, dies ist jedoch mehr symbolisch für ein friedliches Zusammensein. Wenn die Kapazität vorhanden ist, gibt es oftmals ein zweites Zimmer, das bestuhlt ist und den Besuchern die Möglichkeit bietet, einen Austausch zu haben. 

Die Menschen, die einen Raum der Stille besuchen, verfolgen alle das gleiche Ziel. Dementsprechend ist die gleichzeitige Nutzung meist friedlich und wird als angenehm empfunden. Einige Universitäten berichten von Startschwierigkeiten, da zu Beginn die Regeln noch nicht klar waren. So beschreibt eine Institution von Unstimmigkeiten unter den Besuchern, da keine Geschlechtertrennung existiert. Im Judentum und auch im Islam wird eine räumliche Geschlechtertrennung gefordert, da dies jedoch nicht dem Zweck des Raum entspricht, wird dies von den Verantwortlichen nicht berücksichtigt. Es gibt auch Menschen, die gerne ein „Mittagsschläfchen“ in den Räumlichkeiten machen. Auch dies ist nicht die Ursprungsidee, wird jedoch von vielen toleriert, solange andere Besucher und Besucherinnen nicht gestört werden.

In den Prüfungsphasen ist der Raum der Stille ein sehr besuchter Ort. Viele Studenten und Studentinnen gehen vor den Prüfungen meditieren oder suchen einen Bereich, um in sich hineinzukehren zu können. Der Raum der Stille bietet die Chance, solche Bedürfnisse zu erfüllen. 

Neueröffnung an der Universität Bern 

Die Nachfrage nach interreligiösen Räumlichkeiten steigt stetig, deshalb hat die Universität Bern seit Herbst 2021 selbst einen Raum der Stille errichtet. Im Folgenden möchte ich näher auf den neuen Raum im Unitobler eingehen. 

Um sicherstellen zu können, dass sich verschiedene religiöse Gruppen den Raum gleichermassen teilen und um ihre gemeinsamen und unterschiedlichen Nutzungsbedürfnisse zu identifizieren, ist es notwendig, religiöse Vertreter oder Personen mit fundierten Kenntnissen ihrer jeweiligen Religion zu finden. So haben sieben Organisationen in der Gestaltung des neuen Raumes in Bern mitgeholfen:

  • Studierendenschaft der Universität Bern SUB
  • Christliche Hochschulgruppe VBG Bern 
  • Muslim Students and Alumni Association Bern MSAB 
  • Verein Jüdischer Studierender Bern VJSB 
  • Fachschaft Theologie und Interreligiöse Studien 
  • AKI – Katholische Hochschulseelsorge 
  • Forum3 – Reformierte Hochschulseelsorge

Ein Raum im Untergeschoss, mit Kissen, viel Licht und einer kleiner Garderobe: Die Räumlichkeit erlaubt einen Dialog, das gemeinsame Beten sowie auch das In-sich-hineinkehren. Somit können viele verschiedene Bedürfnisse abgedeckt werden. Die Verantwortlichen haben eine angenehme Atmosphäre zum Beispiel mit der warmen Lichtbeleuchtung geschaffen. Um einen Einblick im Raum der Stille der Universität Bern zu erhalten, gibt es ein sehenswertes Video:

In einem Gespräch erzählt mir die Mitverantwortliche Ilana Bloch, aus dem Verein Jüdischer Studierender Bern, von durchgehend guten Rückmeldungen.

… und am Gymnasium Kirchenfeld?

Während der Abfassung dieses Textes stellte ich mir die Frage, ob ein Raum der Stille auch ein Angebot des Gymnasium Kirchenfeld sein könnte. Im Gymnasium gibt es bereits eine Gruppe junger Christen und Christinnen, die sich regelmässig zum Mittagessen treffen. Einige sprechen vor dem Mittagessen auch ein Gebet. Auf jeden Fall wäre ein Zielpublikum vor Ort. In Primar- und Oberstufenschulen werden ähnliche Räume eingerichtet, dabei steht jedoch der interreligiöse Dialog im Vordergrund.  Nachdem ich mich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, bin ich zur Einsicht gelangt, dass eine Räumlichkeit für Religionen sehr gut ins Gymnasium Kirchenfeld passen würde. Das breite Angebot, das ein Raum der Stille bietet, ist für Einzelpersonen und verschiedene Gruppen von Mehrwert. Der für mich wichtigste positive Aspekt ist jedoch, dass es Türen für einen interreligiösen und intrareligiösen Dialog öffnet.

Weitere Informationen

https://www.sub.unibe.ch/de/angebote-infos/raum-der-stille-3624.html

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