Sex und Lügen

von Joanna Lena Bär

Slimani, Leïla (2018): Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt, München: Random House.

In welchem Ausmass nimmt Religion Einfluss auf das Privatleben und vor allem auf die Sexualität der Frau – das behandelt Leïla Slimani in ihrem Buch „Sex und Lügen, Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt“. In 16 Portraits beschreibt sie das Leben von marokkanischen Frauen. Alle befinden sich in unterschiedlichen Lebenslagen, werden aber unterdrückt vom selben System.

Marokko ist ein stark islamisch geprägtes Land, die Religion ist nicht nur im gesellschaftlichen Leben, sondern auch im Gesetz verankert. Für Frauen, die eine andere Rolle anstreben, als eine folgsame Hausfrau zu sein, ist das Leben schwierig. Homosexualität, ausserehelicher Geschlechtsverkehr, Abtreibung und Ehebruch; in Marokko ist all dies verboten, der Begriff „h’chouma“ (übersetzbar mit Scham oder Schande) wird Kindern von Geburt an eingetrichtert. Die Gesellschaft ist auf den Säulen des Anstands, der Sittlichkeit und der Zurückhaltung errichtet. Hinter verschlossenen Türen spielt sich jedoch oft etwas anderes ab, die Doppelmoral in der Gesellschaft ist unübersehbar. Entstanden ist diese durch die strenge Gesetzgebung der Regierung, die im starken Kontrast steht mit der Umsetzung derselben. Mit der Modernisierung kommt auch eine gewisse Toleranz, trotzdem argumentieren die Behörden immer wieder, die Gesellschaft an sich sei konservativ und sie halten sich an die damit kommende Moral. Dadurch entsteht eine Haltung, durch die in der Öffentlichkeit strenge Regeln und moralische Grundsätze gelten, sich aber niemand darum kümmert, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt. 

Nour ist eine Frau um die dreissig und Protagonistin des zweiten Kapitels des Buches. Nours Ziel ist es, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ob sie je heiraten will oder einfach mit jemandem zusammenleben, ist ihre Entscheidung, nicht die der Gesellschaft. Doch das ist oft einfacher gesagt, als getan; viele Männer wollen zwar eine Jungfrau heiraten, aber selbst nicht jungfräulich in die Ehe eingehen, auch da zeigt sich die Ambivalenz der Gesellschaft. „Manchmal habe ich deswegen Panikattacken. Ich sage mir, dass ich vielleicht niemals heiraten werde, weil ich keine Jungfrau mehr bin. In unserem Viertel kennt jeder jeden, und die Leute haben nichts anderes zu tun, als sich über ihre Nachbarn das Maul zu zerreissen.“ (S. 41) So wird eines der persönlichsten Themen überhaupt zum Klatschthema der Menschen. Und dadurch, dass so viele der moralischen Grundsätze am Handeln und vor allem am Körper der Frau festgemacht sind, wird diese nicht nur sexualisiert, sondern auch objektifiziert und nicht als selbstständiges Wesen wahrgenommen.

Und so geht es weiter, alle Geschichten ähneln sich auf eine gewisse Art und Weise. Ein selbstbestimmtes Leben steht im Vordergrund, wird aber zu mehr oder weniger grossen Teilen von Resignation oder Angst überschattet.

So geht es auch Mouna, einer lesbischen Frau, die in Marokko lebt. „In Marokko kann man nicht homosexuell und wirklich glücklich sein.“ (S. 169) Und es stimmt, denn Homosexualität ist nicht nur gesetzlich verboten, sondern wird auch gesellschaftlich nicht toleriert. Mouna hatte das Glück, dass sie von ihren Eltern trotz ihrer sexuellen Orientierung mehr oder weniger akzeptiert wurde. Bekannte von ihr hatten da weniger Glück: „Als sie ihren Eltern alles (ihre Homosexualität) gestand, haben die sie in die Psychiatrie eingewiesen.“ (S. 175) Das Schlimmste daran: Es ist kein Einzelfall. Sich zu outen oder schlimmer, geoutet werden, kann unter Umständen tödliche Folgen haben. „Mein Vater hat mir gesagt, ich müsse Marokko verlassen, wenn ich wirklich so leben wolle. Er ist sehr besorgt, wenn er sieht, wie ich hier lebe und mich dazu bekenne, dass ich lesbisch bin.“ (S. 173) Und er hat recht, Auswandern ist wohl eine der einzigen Möglichkeiten für LGBTQ+ Menschen, frei zu leben. Aber es ist auch nicht so einfach, sein ganzes Leben zurückzulassen: Familie, Freunde, das bekannte Umfeld fällt weg, wenn jemand entscheidet, auszuwandern. Und so leben viele homosexuelle Menschen im Verborgenen, verdecken ihre Identität, nur um ein vielleicht nicht glückliches, aber immerhin sicheres Leben zu führen.

Die 16 Portraits im Buch erzählen alle eine individuelle Geschichte, puzzeln sich aber am Ende zu einem erschreckenden Bild zusammen.

Frauen sind Menschen, Wesen die selbstständig denken und handeln können. Dass ihnen dieses Recht an so vielen Orten heute noch abgesprochen wird, macht mich immer wieder wütend.

Ich fand das Buch faszinierend zu lesen, da es immer wieder aus einer anderen Perspektive geschrieben wurde. Jede Frau hat ein Kapitel, in dem ihre Geschichte erzählt wird. Es hat mich aber auch schockiert, dass ein Land, das sich nach und nach modernisiert immer noch so einen rückständigen Blick auf ein für viele Menschen zentrales Thema hat. Sexualität ist ein intimes, vielleicht auch privates Thema, aber wenn nicht darüber geredet wird, werden auch keine Fragen gestellt. Und ohne Fragen kann auch nichts gelernt werden, dabei ist es so wichtig, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen.

Spannend fand ich die Portraits und Erzählungen der Frauen, die sich mit ihrem Leben abgefunden haben und die Normen nicht in Frage stellen. Leïla Slimani erklärt es so: „Emanzipation ist zunächst eine Bewusstwerdung“. Emanzipation bedeutet laut Duden die „Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit“, es ist ein Selbstständig-Werden und danach leben. Das fand ich einen spannenden Ansatz, um die Untätigkeit, den fehlenden Willen für Veränderung zu erklären: Um einer Struktur zu entgehen, muss die unterdrückte Person erst für sich feststellen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Bleibt diese Erkenntnis aus, wird sie sich auch nicht befreien. Auch hier kommt es darauf zurück, dass über die sexuelle Freiheit geredet werden muss. Erst dadurch entsteht für die betroffenen Personen die Möglichkeit, etwas zu lernen und sich zu bilden. 

Mir hat das Buch noch einmal die Augen geöffnet, wie viel wir beim Thema Gleichberechtigung noch zu lernen haben. Ich bin unglaublich froh, dass ich nicht an einem Ort lebe, wo ich mich für das, was ich bin, verstecken muss. Das Buch würde ich allen empfehlen, die sich mit dem Thema Gleichberechtigung auseinandersetzen wollen, oder allgemein etwas über die Welt lernen wollen.

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