Der Ort in mir

Bild: Joy Messerli und Elia Robert

Lieblingsorte habe ich nicht, denn ich finde auf der ganzen Welt schöne Orte. Wenn, dann habe ich schon einen heiligen Ort. Doch der befindet sich in meinem Inneren. Heilige Orte bedeuten wohl jedem etwas anderes. Mir schenkt mein heiliger Ort Demut und Frieden.

VON JOY MESSERLI UND ELIA ROBERT

Ich als Mensch

Meinem Wesen nach bin ich ein unbeschwerter Freigeist, der ab und zu Geschehnisse vergisst, was mein Leben sehr erleichtert. Ich heisse Corinne Gerhard, bin 51-jährig und wohne zurzeit in Gümligen. Ich bin ein ernster Mensch, bloss das Leben nehme ich nicht so ernst. Ich sehe mich selbst als eine tolerante, offene und nicht nachtragende Person. Zudem bezeichne ich mich selbst als hinterfragend, insbesondere im Sinne der Selbstreflexion, und trotzdem akzeptiere ich die Dinge so, wie sie sind und denke, dass alles seinen Grund hat.

«Ich bin ein ernster Mensch, bloss das Leben nehme ich nicht so ernst.»

Corinne Gerhard

Dies kommt unter anderem von meinem Urvertrauen, welches mir massiv hilft, ein möglichst unbeschwertes Leben zu führen. Urvertrauen ist aus meiner Perspektive etwas, das eine sinnvolle Verbindung zwischen verschiedenen Elementen des Lebens herstellt. Dieses Urvertrauen ist für mich eine Lebensgrundlage und ich bin davon überzeugt, dass das Leben ohne Urvertrauen schon um einiges schwieriger verlaufen kann.

Wenn ich um mich schaue und die heutige Welt betrachte, sehe ich, dass dieses angesprochene Urvertrauen dem Menschen verloren gegangen ist. Deswegen gibt es meiner Meinung nach auch so viel Leid auf dieser Welt. Ich finde, dass ich, vielleicht gerade aufgrund meines Urvertrauens, jemand bin, der sehr wenig Leid und Angst kennt. Ich fühle mich deshalb nicht nur in meinem Leben privilegiert, sondern auch mit meiner Denkweise, die mir so viel Leichtigkeit ermöglicht.

Der Fluss des Lebens

Meines Erachtens müssen heilige Orte überhaupt nichts mit Religion zu tun haben. Ich war als Teenager in Jerusalem bei der Klagemauer und als junge Frau mehrfach in Nepal, genauer gesagt in Bodnath, wo sich ein bekannter Stupa – ein buddhistischer heiliger Ort – befindet. Diese Orte sind für mich von mystischer Natur. Auf einer Schotterstrasse im Niemandsland in Tibet traf ich einmal auf eine Gruppe von Pilgern, bei denen ich eine unglaubliche Demut erfuhr. Diese Begegnung bedeutete mir viel mehr und war für mich um einiges «heiliger» als der Besuch der vorhin genannten religiösen Orte.

Nichtsdestotrotz fühle ich mich auch an «konventionellen» heiligen Orten oder an sonstigen Orten demütig, an denen sich Energien spürbar sammeln. Das kann unter anderem auch mal eine Kirche sein.

Heilige Orte machen uns demütig. Und ich denke, der Mensch braucht ganz viel Demut. Demut bedeutet für mich das Loslassen von Glaubenssätzen, und dass ich mich dem Fluss des Lebens hingebe. Bei dem Urvertrauen, das ich insbesondere als Kind, Teenager und junge Frau stark fühlte, ging es genau darum. Das gab eine befreiende Leichtigkeit. Ich habe viel losgelassen in meinem Leben. Ich glaube, das ist unglaublich wichtig. Insofern könnte gesagt werden, dass jeder Mensch einen heiligen Ort braucht. Gleichzeitig finde ich es aber vermessen, zu empfehlen, was das Gegenüber braucht.

Religion in meinem Leben

Ich bin im christlichen Glauben aufgewachsen und als ich siebzehn Jahre alt war, starb mein Vater. Dies verstärkte meinen Glauben und für mich wurde damals klar, dass es weitaus mehr gibt, als ich mir vorstellen kann. Aus meiner Sicht gibt es Jesus Christus. Für mich gibt es aber auch Buddha, und wenn ich mich mit dem Islam auseinandersetzen würde, gäbe es in meinen Augen sicherlich auch Mohammed.

«In meinem Kopf gibt es keine Grenzen und es ist alles möglich.»

Corinne Gerhard

Mit dem Begriff Religion bin ich sehr vorsichtig. In meinem Leben habe ich Religionen als sehr moralisierend erlebt. Ich finde den Gedanken, dass sich jemand das Recht nimmt, über andere zu urteilen, ziemlich anmassend. Ich denke, dass jeder Mensch einen Seelenauftrag hat und dass wir, wenn überhaupt, nur den eigenen kennen. Ähnlich sehe ich meine Denkweise. In meinem Kopf gibt es keine Grenzen und es ist alles möglich. Deshalb bewerte ich mein Verhältnis zu Religion auch nicht als widersprüchlich.

Mein heiliger Ort

Ich habe ein sehr klares Bild von meinem heiligen Ort, der sich in meinem Innern befindet. In meiner Vorstellung ist es eine hoch auf einem Berg gelegene, dreistufige Pyramide. Über eine lange Treppe im Inneren des Berges gelange ich hinauf. Ich kann ebenfalls nach unten steigen, in das weite Tal der Tierwelt, etwa vergleichbar mit der Landschaft im Animationsfilm «König der Löwen». 

Wenn ich die Stufen weiter hochsteige, gelange ich zum Ausgang und von dort über einen kleinen steinigen Weg zu meiner gläsernen Pyramide. In der Ferne sind Schneeberge zu sehen. Hinter der Pyramide türmt sich der Berg und an ihrer linken Seite lässt sich ein seltsamer kleiner Tümpel finden. Dieser Tümpel ist bedeutsam, da er mir hilft, in eine Schattenwelt zu gelangen, die mit dem reinen Denken nicht erforschbar ist.

Meine Pyramide ist in drei Stockwerke aufgeteilt. Es ist alles sehr gemütlich eingerichtet und in warmen Farbtönen gehalten. Zuunterst liegt der Bewusstseinsraum. In einer Ecke steht ein Ur-Amerikaner beziehungsweise eine Ur-Amerikanerin – das Geschlecht spielt hierbei keine Rolle –, der mein Bewusstsein mit Weisheit erweitern kann, wenn es selbst nicht weiterweiss.

Im zweiten Stock befinden sich drei Räume. Einer davon ist mein Seelenraum, in dem ich innere Fragen behandeln kann. Darin steht ein Spiegel, mit je einer Kerze an beiden Seiten. Der Spiegel ist ein Symbol für die Seele. In diesem Raum habe ich mehrere innere Reisen unternommen.

Im zweiten Raum befindet sich eine Panoramawand für universelle Fragen, welche ich an das Universum richten kann. Ich gehe davon aus, dass alle Gedanken im Universum gespeichert sind. Deshalb ist es so wichtig, unsere Gedanken achtsam einzusetzen. Ich schreibe also meine Fragen auf diese Scheibe und warte, bis sich eine Antwort bildet. 

Der letzte Raum dient als Kontaktraum, ausgestattet mit einem Lift, der ins Nirgendwo fährt. Über den Lift könnte ich Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen. Dies lasse ich aber ganz bewusst sein. Denn ich glaube, dass die Seele, nachdem sie den Körper verlassen hat, weiterziehen muss. Wir sollten sie meiner Ansicht nach nicht zurückrufen, um mit ihr in Kontakt zu treten. Ansonsten hindern wir sie daran, diese Welt zu verlassen.

Im obersten Stockwerk der Pyramide liegt nur ein einziger Raum, der die Spitze bildet. Das Dach der Spitze lässt sich aufklappen und bietet die Möglichkeit, mich gemütlich auf einem Liegesessel auszubreiten und mich mit dem Göttlichen in Verbindung zu setzen. Ich habe mir diese Pyramide von oben nach unten erschaffen. In diesen Räumen kann ich die unterschiedlichsten Reisen unternehmen. Ich erschuf meinen heiligen Ort während eines Seminars, das an zehn Wochenenden innert anderthalb Jahren stattfand. Das Erschaffen eines solchen Raumes oder Ortes gleicht einem Prozess. Es kommt einer Persönlichkeitsentwicklung gleich, bei der ich mir selbst begegne.

Ich nutze meinen heiligen Ort nur sehr selten. Das Wissen, dass es diesen Ort in meinem Bewusstsein gibt und ich jederzeit dorthin reisen könnte, gibt mir unheimlich viel Kraft. Zudem schenkt es mir ein hohes Mass an Vertrauen und Frieden, was für mich um einiges bedeutsamer ist, als der eigentliche Besuch meines heiligen Ortes.

«Es sind die Energien, die durch diese Orte strömen, welche das Heilige ausmachen.»

Corinne Gerhard

Ich finde, heilige Orte haben weniger mit Orten an sich zu tun, sondern mehr mit den Ideen und den Gedanken, die hinter diesen Orten stecken. Es sind die Energien, die durch diese Orte strömen, welche das Heilige ausmachen. Ich versuche bei allem, was ich tue, mit dem Göttlichen verbunden zu sein, da dies unter anderem Demut hervorruft. An meinem heiligen Ort fühle ich mich demütig und dankbar. In gewissen anderen Bereichen habe ich da noch ganz, ganz viel Entwicklungspotenzial.

3 Antworten

  1. Lou sagt:

    Liebe Joy, lieber Elia
    Ich finde ihr habt ein sehr spannendes Portrait verfasst. Das Bild ist der perfekte Einstieg das Thema. Man sagt ja oft, dass man durch die Augen einem Menschen direkt in die Seele schauen kann. Der auf das Bild folgende Text macht es dem Leser/ der Leserin möglich sehr viel Persönliches von einem Menschen zu erfahren. Es ist abwechslungsreich, ein Portrait zu lesen, in welchem der Ort nicht fotografiert werden kann. Folgende zwei Fragen habe ich mir gestellt: Weshalb dieser Ort auf einem Berg ist? Für wie lange ist sie jeweils an diesem Ort?
    Liebe Grüsse und bis bald Lou

  2. Kirusigaa sagt:

    Liebe Joy, Lieber Elia
    Euer Porträt war seht interessant zum lesen. Ich finde es schön, wie ihr einen Ort, der eigentlich nur in ihr selbst existiert so beschrieben habt, dass wir uns alle etwas darunter vorstellen können. Ich habe mir zwei Fragen gestellt: Seit wann existiert dieser Ort in ihr? Wie oft besucht sie ihren heiligen Ort?

  3. Stella sagt:

    Liebe Joy und lieber Elia

    Euer Porträt habe ich sehr gerne gelesen. Dass es sich um einen heiligen Ort im Inneren euer Interviewpartnerin handelt, machte es die Lektüre noch viel spannender. Ich fand es auch sehr eindrücklich, was für ein klares und konkretes Bild sie von ihrem heiligen Ort hat.

    Eine Frage die ich Corinne gerne stellen würde, wäre wie sie überhaupt auf dieses Seminar kam. Das wäre sicher eine sehr interessante und tolle Erfahrung selber ein solches Seminar zu besuchen.

    Liebe Grüsse
    Stella

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