Wo wir uns selbst sind

Bild: Jil Steiger

Ich kann bereits hier sagen, dass das, was ich erzähle, an keine Glaubenstradition gebunden ist. Ich habe nie gelernt, mich einer Religion hinzugeben und sie zu verstehen. Vielleicht wollte ich das aber auch gar nicht. Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss, ist, dass ich dennoch einen heiligen Ort habe. Einen Ort, wo wir uns selbst sind.

VON JIL STEIGER

Ich würde mich selber als offen und selbstbewusst beschreiben. Selbstbewusst heisst für mich, dass ich an das glaube was ich tue. Ich glaube. Ich glaube, dass die Chance, ein Leben zu leben, einmalig ist und wir diese unbedingt wahrnehmen sollten. Ich glaube aber nicht im religiösen Kontext. Natürlich bin ich aber von der christlichen Religion geprägt, da ich hier in der Schweiz in einem christlichen Land aufgewachsen bin.

Heilige Orte und ich

Ich bin schon mit heiligen Orten von verschiedenen Glaubenstraditionen in Kontakt gekommen. Zum Beispiel war ich in einer Moschee und einmal an einem christlichen Wallfahrtsort. Was mir dort jeweils auffiel, ist, dass diese Orte von einem sehr strengen Klima umgeben sind. Alles war so geregelt und steif.

«Doch die Antwort kommt von ihnen selbst.»

Ich spürte nie eine Verbundenheit zu solchen Orten und hatte auch nie dieses Gefühl, das alle immer beschreiben. Mit diesem Gefühl meine ich diese pure Geborgenheit, dieses Gefühl als wäre man zu Hause. Daher hatten heilige Orte für mich immer ein wenig einen seltsamen Beigeschmack.

Menschen scheinen diese Orte aber wirklich zu brauchen. Aber warum? Sie gehen dorthin, um eine Antwort auf eine Frage zu kriegen. Um zu erzählen, was passiert ist, und zu fragen, ob man etwas falsch gemacht hat. Man fragt, warum Dinge passieren. Warum sie einem selbst passieren. Sie verlassen diesen Ort dann mit einer Antwort. Einer Antwort, von der sie denken, dass sie von einem höheren Wesen kommt. Doch die Antwort kommt von ihnen selbst. Sie haben sich selber geantwortet. Sie haben nur einen Ort benötigt, der ihnen das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit gibt. Die Sicherheit, dass man richtig entscheidet. Die Sicherheit, dass man die Antwort selber weiss.

Wo sich Meinungen spalten

Wie bereits erwähnt, komme ich grundsätzlich wirklich wenig mit Religion in Berührung. Mit Transzendenz und Spiritualität wiederum mehr, aber einfach, weil dies Themen sind, die mich beschäftigen. Ich befasse mich, wie die Religion es auch tut, mit Transzendenz und Spiritualität. Meine Antwort darauf ist aber nicht Religion. Für mich sind Transzendenz und Spiritualität viel mehr eine Energie, unabhängig von einem Buch, einer Mythe oder einer Person. Dies heisst aber nicht, dass ich religiöse Glaubenstraditionen nicht respektiere. Ich merke einfach, dass ich und Religion nicht wirklich vereinbar sind. Religion scheint wirklich nicht zu mir zu passen. Die Meinung von gewissen religiösen Glaubenstraditionen zu Themen wie Transzendenz und Spiritualität weichen einfach zu stark von meiner ab, sprich: ich bin mit vielem nicht wirklich einverstanden. Ich denke, das ist aber auch okay so.

Bild: Jil Steiger

Ich muss aber sagen, dass ich bereits mehrere Momente in meinem Leben erlebt habe, in denen ich das Gefühl hatte, dass ich nun etwas Aussergewöhnliches erlebe. Es gab wirklich viele solcher Momente und da denke ich mir oft: «Das kann doch kein Zufall sein!» Diese Momente halten nicht lange an, denn schlussendlich wird mir dann doch wieder allmählich bewusst, dass es eben doch ein Zufall ist. Es scheint, als hätte ich immer wieder Hoffnung, dass sie eben kein Zufall sind; dass Dinge einen Grund haben. Aber eben, ich hoffe. Wissen tue ich es anders.

«Alles passiert schlussendlich auf dieser einen Welt, die wir kennen. Ein heiliger Ort.»

Für mich ist es schwer, einen heiligen Ort geografisch festzunageln. Ich sehe die Welt als heiligen Ort. Hier ist es ja, wo all’ diese aussergewöhnlichen Dinge geschehen und wir Herausgehobenes erleben. Es sind nicht spezifische Orte oder getrennte Dinge, die uns solches erleben lassen. Alles passiert schlussendlich auf dieser einen Welt, die wir kennen. Ein heiliger Ort. Was ich mir aber vorstellen kann und eben auch selber erlebe; dass es Orte gibt, an denen man immer wieder ein herausragendes Gefühl erlebt. Es ist nicht einmalig. Man kann dorthin zurück und man erlebt es wieder. Ich habe das Glück, einen solchen Ort zu haben. Dieser Ort befindet sich in Bern im Breitfeld-Quartier bei meinem besten Freund zu Hause. 

Da, wo Gedanken ausgesprochen werden

Mein heiliger Ort, bei meinem besten Freund zu Hause, ist ein Zimmer, beziehungsweise ein Wandschrank. Im Wandschrank ist ein Mikrofon. Im Zimmer, in dem sich der Wandschrank befindet, stehen ein Sofa, ein Bett, ein Sessel und grosse Musikboxen, die mit dem Mikrofon verbunden sind. Wir haben sein Zimmer und seinen Wandschrank zu einem Musikstudio umfunktioniert. Dieser Ort erlaubt mir etwas, was sich wohl viele wünschen, nämlich absolut ich selbst sein zu können.

Ich spreche dort alles aus, meine Gedanken werden zur Realität in den Songs, und alles höre ich aus den Boxen heraus wieder. Ich erlebe immerzu etwas Neues an diesem Ort. Ich durchlebe dort immer wieder neue klärende Dinge. Es wird mir immer wieder bestätigt, wie einmalig dieser Ort für mich ist. Was ich also nie dort tun würde, ist, etwas vorzuspielen, sprich: nicht ich selbst zu sein und mir untreu zu werden. Das gehört dort einfach nicht hin.

«Jeder Teil von mir, alles, was ich denke, findet dort seinen Platz. Alles vereint sich dort.»

Wenn meine Freunde und ich dort sind, sind wir einfach nur wir. Wir akzeptieren dort alles. Im Alltag müssen wir uns so oft verstellen und Dinge ertragen. Spätestens wenn wir dort sind, ist damit Schluss. Ich denke, erst dann ist es überhaupt möglich, ausserordentliche Dinge zu erleben. Wenn man zulässt, das preiszugeben, was man ist. Die Dinge auszusprechen, die tief sitzen oder auch einfach mal nur banales Zeug zu erzählen. Einfach so, wie man will.

Bild: Jil Steiger

Mein heiliger Ort hat nichts mit Religion zu tun. Mit Spiritualität hingegen schon. Ich spreche dort nicht nur über Dinge und bin ich selbst. Dieser Ort, dieses Zimmer, dieser Wandschrank gibt mir die Möglichkeit, herausragende Dinge, die ich an einem anderen Ort erlebt habe, noch einmal zu erleben. Noch einmal dankbar dafür zu sein. Nochmal zu reflektieren, was passiert ist. Allgemein ist es ein Ort, an dem ich viel reflektiere und manchmal aber einfach auch nur nachdenke über Dinge. Weder im positiven noch im negativen Sinne. Dort ist nichts fehl am Platz. Jeder Teil von mir, alles, was ich denke, findet dort seinen Platz. Alles vereint sich dort.

3 Antworten

  1. Lou sagt:

    Liebe Jill
    Es ist ein sehr gelungenes Portrait. Ich finde du hast es so gestaltet und aufgeschrieben, dass man sich direkt vorstellen kann, wie die interviewte Person über den heiligen Ort sprach, ohne sie je gesehen zu haben. Die persönlichen Ansichten sind nachvollziehbar und klar beschrieben. Beeindruckt hat mich vor Allem, dass der Ort so selbstbestimmt und kreativ ins Leben gerufen wurde. Ich würde mich für ein spezifisches Beispiel von einem Erlebnis interessieren und wie genau, sich dieses Erlebnis in der Musik wiederfinden lässt.
    Liebe Grüsse und bis bald Lou

  2. Valentina Ernst sagt:

    Liebe Jil,
    Dein Porträt hat mich sehr angesprochen. Ich finde in vielen Aussagen meine eigene Meinung wieder und kann mich daher gut mit der Person und deren Haltung identifizieren. Besonders ist mir in Erinnerung geblieben, wie der Protagonist erzählt, dass Antworten, die Menschen an heiligen Orten, unterstützt durch eine höhere Kraft suchen, von ihnen selbst kommen. Auch dies ein Gedanke, den ich selber als legitim empfinde. Gerne würde ich noch wissen, was das für Musik ist, die der Protagonist macht und ob diese später veröffentlicht wird?

    Liebe Grüsse und bis bald, Valentina

  3. Mira sagt:

    Liebe Jil
    Dein Porträt war sehr spannend zu lesen. Ich finde seine Ansicht gegenüber der Religion, der Transzendenz und der Spiritualität sehr interessant.
    Weil ich mir mit den Fotos nicht wirklich einen Ort vorstellen konnte, hat es mich umso mehr gereizt dein Porträt zu lesen und mehr darüber zu erfahren.
    Mich würde noch interessieren, wie sich dieser seltsame Beigeschmack, den er am Anfang erwähnt, genau für ihn angefühlt hat.
    Alles Liebe, Mira

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