Die Familie macht den Ort heilig

Bild: Kirusigaa Sutharsan

Ich habe schon von klein auf zusammen mit meiner Familie regelmässig die Moschee in Thun besucht. Das Beten und das Fasten sind für mich selbstverständlich. Um den Koran lesen zu können, habe ich sogar einen Arabischkurs belegt.

VON KIRUSIGAA SUTHARSAN

Ich bin 17 Jahre alt, wohne in Thun und befinde mich zurzeit im zweiten Lehrjahr als Detailhandelsfachfrau bei der Login. Religion ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, weil ich von klein auf mit dem Islam und seiner Kultur aufgewachsen bin. Wenn es meine Arbeitszeiten zulassen, bemühe ich mich, die fünf täglichen Gebete auszuführen. Dies tue ich meist zu Hause oder in der Moschee in Thun und auf dieser Weise bin ständig in Kontakt mit dem Göttlichen.

«Ich bin mit dem Islam aufgewachsen, er ist ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben.»

Ich habe schon verschiedene Moscheen in der Schweiz besucht. Auch in Deutschland, in der Türkei und in meinem Heimatort in Mazedonien war ich bereits in einigen Moscheen. Es macht keinen Unterschied in welcher Moschee ich mich befinde, denn überall empfinde ich dasselbe Gefühl. Ich nehme meine Religion wahr und ich spüre, dass alle Menschen in diesem Raum an das gleiche Glauben und das Gleiche befolgen wie ich.

In den Moscheen fühle ich etwas Spezielles, ich fühle mich wohl und empfinde ein Zugehörigkeitsgefühl. Ein Kindheitstraum von mir war es, einmal nach Mekka zu reisen und die Moschee dort zu besuchen. Diesen Traum habe ich heute immer noch. Nebst den zahlreichen Moscheen habe ich auch schon einige Kirchen besucht, meist aufgrund von Schulanlässen, wie Weihnachtsfeiern. Die Ruhe, die in den Kirchen herrscht, strahlt auch etwas Heiliges aus, doch dort empfinde ich kein Zugehörigkeitsgefühl, deshalb ist es für mich nicht heilig.

Die beste Zeit des Jahres

Meine Religion setzt sich aus fünf verschiedenen Säulen zusammen. Das Glaubensbekenntnis, die fünf täglichen Gebete, die Sozialabgaben für Bedürftige, die Pilgerfahrt nach Mekka und das Fasten. Der Ramadan ist für mich persönlich die beste Zeit des Jahres, da ich mich während dieser Zeit voll und ganz auf meine Religion fokussieren kann.

Bereits im Alter von neun Jahren fing ich an zu fasten. Ich geniesse es sehr, wenn wir dann abends als grosse Familie zusammen am Tisch sitzen, beten und gemeinsam essen. Früher fiel die Fastenzeit meistens auf die Sommerferien, so konnten wir oft die Moschee in Thun besuchen und die Zeit mit unseren Bekannten und Verwandten verbringen. Das hat sich jedoch im Laufe der Jahre geändert, denn aufgrund der unterschiedlichen Arbeitszeiten haben wir leider nicht mehr die Möglichkeit, so oft in die Moschee zu gehen, wie wir das gerne tun würden.

Nicht der Hass, sondern die Liebe zu den Mitmenschen macht die Religion aus

Die Moschee hat eine beruhigende Wirkung auf mich, dort kann ich dem alltäglichen Stress entfliehen. Ich habe den Islam nie infrage gestellt oder an ihr gezweifelt, denn das Beten, das Fasten und der Besuch in der Moschee sind für mich selbstverständlich. Das Einzige, was ich nie verstanden habe, ist dieser Hass, der in Verbindung mit dem Islam immer wieder anzutreffen ist. Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb Themen wie Gewalt und Terror hier überhaupt Platz haben.

Es ist schade, dass die Aussenwelt dadurch ein falsches Bild vom Islam hat. Ich habe in den vergangenen Jahren bei meinen Mitschülern und bei meinen Lehrern bemerkt, dass die Meisten Negatives mit dem Islam assoziieren. Ich denke, viele fürchten sich vor meiner Religion, weil sie nur noch Bilder von Terroranschlägen im Kopf haben. So wurde mir schon mehrmals gesagt, dass wir hier nicht in Saudi-Arabien seien und ich in der Schweiz meine Religion nicht auf diese Art und Weise ausleben kann.

Dabei besagt die dritte Säule im Islam, dass man für die Bedürftigen Sozialabgaben leisten und darauf achten soll, dass es seinen Mitmenschen gut geht. Dies beweist, dass der Islam eigentlich eine sehr fröhliche Religion ist, der Familie und Freunde vereint und niemandem etwas Böses will.

«Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb Themen wie Hass, Gewalt und Terror im Islam Platz haben, wo er doch eine so fröhliche Religion ist, der Familie und Freunde vereint.»

Die Schönheit der Moschee – und des Korans

Wenn man die ganze Gewalt ausblendet, hat der Islam, von aussen betrachtet, ein ästhetisches Erscheinungsbild. Denn eine Moschee ist an ihrer Kuppel und den Minaretten erkennbar, doch diese sind leider in der Schweiz verboten. Deshalb sieht die Moschee in Thun, welche ich und meine Familie oft besuchen, von aussen wie ein gewöhnliches Gebäude aus. Sie befindet sich in der Nähe vom Bahnhof Thun, neben der Stadtbibliothek und ist gut erreichbar.

Bild: Kirusigaa Sutharsan

Es gibt einen Eingang für Männer und einen anderen für Frauen. Innerhalb der Moschee sind orientalische Muster wie auch Kalligrafien erkennbar. Die Moschee ist eigentlich durchgehend geöffnet, doch wir besuchen sie meist am Wochenende. Mein Vater und mein Bruder versuchen, möglichst am Freitagsgebet teilzunehmen, das für die Männer obligatorisch ist, doch aufgrund ihrer Arbeitszeiten ist dies nicht immer möglich.

Bild: Kirusigaa Sutharsan

In der Moschee steht natürlich das Beten im Vordergrund, da gehört auch der Koran dazu. Im Alter von zwölf Jahren habe ich einen Arabischkurs belegt, der auch in der Moschee in Thun stattgefunden hat. Wir waren eine Klasse von 15 Schülern und Schülerinnen, die das arabische Alphabet gelernt haben, damit wir den Koran lesen lernen konnten, der ursprünglich in Arabisch verfasst worden ist. Heutzutage gibt es den Koran in diversen Sprachen, doch keine Sprache widerspiegelt die einzigartige Schönheit der arabischen Sprache. Um den Inhalt der einzelnen Suren zu verstehen, habe ich den Koran auch schon auf Deutsch gelesen, denn obwohl wir das arabische Alphabet gelernt haben, verstehe ich kein Arabisch. In diesem Kurs hatte ich arabische, türkische, albanische, syrische und tamilische Mitschüler und Mitschülerinnen. Ich denke, die Vertretung der vielen verschiedenen Nationalitäten, ist das, was die Moschee in Thun so besonders macht.

«Es ist die Religion selbst, die den Ort beeinflusst und schön und heilig macht.»

Für mich persönlich stehen heilige Orte immer in Verbindung mit einer Religion. Es sind Orte, die einem sehr am Herzen liegen. Ich denke, Menschen brauchen einen heiligen Ort, um sich auf ihre Religion fokussieren und diese ausleben zu können. Jede Religion hat etwas Besonderes, im Islam sind es die Gebete und der Gedanke, anderen helfen zu wollen. Für mich ist die Moschee in Thun ein heiliger Ort, weil die Religion im Vordergrund steht und ich mich auf das Göttliche konzentrieren kann. Ausserdem fühle ich mich in dieser vertrauten, familiären Umgebung gut aufgehoben.

4 Antworten

  1. Alisha sagt:

    Liebe Kirusigaa

    Ich finde, das Titelbild ist sehr gut gewählt. Es mag für gläubige Musliminnen und Muslime ein ganz gewöhnlicher Anblick sein, doch für viele Atheistinnen und Atheisten oder Zugehörige anderer Glaubensrichtungen gewährt es einen Einblick in eine andere, so oft missverstandene Religion.
    Als ich das Bild sah, habe ich es sofort mit einer Moschee, also mit dem Islam, verbunden. Diese simple und doch bedeutungsstarke Fotografie macht sofort deutlich, worum sich dieses Porträt handelt und verschafft den Lesern Klarheit.
    Beim Lesen ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie Musliminnen und Muslime nicht nur mit offener Ablehnung konfrontiert, sondern oftmals ganz diskret und kaum merklich diskriminiert werden: „Ihr dürft eine Moschee bauen, aber keine Minarette.“ Dieses Verbot zeigt, die Ablehnung, die den Zugehörigen des Islams hier entgegen gebracht wird. Dass den einzelnen Menschen Vorwürfe gemacht werden und dass auch junge Leute immer wieder mit offener Abneigung konfrontiert werden, stimmt mich traurig. Und obwohl es in diesem Porträt nur kurz angesprochen wird, ist es dieses Gefühl des beinahe schon resignierten Kapitulierens gegenüber der Intoleranz der Menschheit, das nun noch in mir nachklingt.
    Es interessiert mich sehr, wie die interviewte Person mit dieser Form der Diskriminierung umgeht. Sie hat zwar erwähnt, dass sie es nicht nachvollziehen kann, doch es würde mich wunder nehmen, wie sie konkret auf Ablehnung reagiert.
    Die interviewte Person hat mehrmals gesagt, dass sie den Islam nicht infrage stellt. Dennoch würde es mich interessieren, was sie von der Geschlechtertrennung denkt, die im Islam auch bei „gemässigten“ Gläubigen noch deutlich mehr durchgeführt wird, als in vielen anderen Religionen.
    Dein Porträt ist umfassend und ich finde, es ist sehr gelungen.

    Liebe Grüsse
    Alisha

  2. Elia sagt:

    Liebe Kirusigaa
    Ich finde, dass dein Porträt sehr angenehm geschrieben ist und eine gewisse Authentizität zu spüren ist. Ausserdem zeigen stellen die Bilder die angesprochene Ästhetik der islamischen Kultur perfekt dar. Folgende Frage habe ich mir noch gestellt: Aus welchem Grund fühlt sich deine Interviewpartnerin in Kirchen nicht zugehörig?
    Liebe Grüsse
    Elia

  3. Mira sagt:

    Liebe Kirusigaa
    Dein Porträt ist sehr gelungen. Die Bilder widerspiegeln, was die Person sagt, nämlich dass der Islam ein sehr ästhetisches Erscheinungsbild mit sich bringt.
    Was mich schockiert hat, ist dass sie das Gefühl hat, dass viele Menschen sich vor ihrer Religion fürchten und auch sagen sie könne ihre Religion in der Schweiz nicht so ausleben, wie sie will. Es enttäuscht mich sehr, dass manche Leute immer noch so verklemmt sind, dass sie jemandem so ein Gefühl geben. Wenn du mich fragst, haben viele von ihnen ein sehr kleines Selbstwertgefühl und denken, dass indem sie andere diskriminieren, sie sich besser fühlen können.
    Abgesehen davon, Gratulation zu deinem Porträt! 🙂
    Alles Liebe, Mira

  4. Michelle Berger sagt:

    Liebe Kirusigaa

    Deine Fotos haben mich sehr beeindruckt. Die Moschee sieht wirklich wunderschön aus. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man sich dort wohl fühlt und diese Mosche für einen zu einem heiligen Ort wird. Die Bilder strahlen für mich eine ästhetische Schönheit aus und sie vermitteln genauso eine Ruhe, wie du sie im Text beschrieben hast.

    Das ganze Portrait finde ich sehr gut. Aber was mir besonders gefällt, ist der Titel. Ich finde die Vorstellung wunderschön, dass die Familie einen Ort heilig machen kann, dass man sich bei seiner Familie geborgen und sicher fühlen kann.
    Ausserdem ist mir in Erinnerung geblieben, wie du darauf ein gehst, dass viele Menschen den Islam als eher eine gewalttätige Religion ansehen, der Islam aber im Gegenteil gerade sehr friedlich und mitfühlend ist. Man versteht in deinem Portrait sehr gut, wie deine Interview-Partnerin fühlt und wieso diese die Moschee als ihren heiligen Ort auserkoren hat.

    Ich würde gerne wissen, wie du dich in dieser Moschee gefühlt hast und ob du nachvollziehen konntest wieso deine Interview-Partnerin diese Moschee als ihren heiligen Ort ausgesucht hat.

    Setzt sich deine Interview-Partnerin dafür ein, dass eine Moschee mit ihrer Kuppel und den Minaretten in der Schweiz erlaubt sein soll?

    Liebe Grüsse und einen schönen Gymer-Abschluss
    Michelle Berger

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