Eine Treppe – ein heiliger Ort?

Bild: Rafaela Feuz und Felizia Lienhard

Für mich muss ein heiliger Ort nicht zwingend ein Gotteshaus sein. Da ich ohne Glauben und Religion gross geworden bin, ist mein heiliger Ort eine gewöhnliche Treppe. Es ist ein Ort, an dem ich mich wohl fühle und zu mir selbst finden kann.

VON RAFAELA FEUZ UND FELIZIA LIENHARD

Ich heisse Mia Kreuzer und bin achtzehn Jahre alt. Ich bin im ersten Ausbildungsjahr als Fachangestellte Gesundheit im Siloah Spital in Gümligen. Schon bevor ich meine Lehrstelle begann, habe ich ein Praktikum in der Langzeitpflege absolviert, dies ebenfalls im Siloah. Zudem verbrachte ich drei Monate in Brighton, England, um mein Englisch ein bisschen aufzubessern. In meiner Freizeit treffe ich mich sehr oft mit Freunden, backe und koche gerne. Im Sommer geniesse ich fast täglich die Sonne im Marzili. Ich selbst würde mich als eine «lässige Persönlichkeit» bezeichnen, weil ich spontan und humorvoll bin. Zudem bin ich sehr zuverlässig und loyal.

Ich war noch nie in einer Kirche mit dem Gedanken, zu Gott beten zu wollen

Glaube und Religion spielen in meinem Leben ehrlich gesagt keine grosse Rolle, ich bin auch ohne religiöse Erziehung aufgewachsen, sie war nie ein Gesprächsthema in meiner Familie. Natürlich habe ich schon heilige Orte im Sinne von Kirchen besucht, wie zum Beispiel auf Städtereisen, um deren Architektur zu bewundern, oder einmal ging ich in ein Konzert im Berner Münster. Ich war auch schon an Konfirmationen oder Beerdigungen, die ja ebenfalls in einer Kirche stattfinden. Ich hielt mich jedoch noch nie in einer Kirche auf mit dem Gedanken, zu Gott beten zu wollen. Christliche Kirchen sind auch aus religiöser Sicht, die einzigen heiligen Orte, welche ich besucht habe, ich war zum Beispiel noch nie in einer Synagoge oder in einer Moschee.

In meinem Alltag komme ich relativ häufig mit Religion und Glauben in Kontakt. So auch an meinem Arbeitsplatz: Oft sind die Bewohner des Siloahs gläubig. Sie nehmen also häufig an Gottesdiensten teil oder ihre Familienangehörigen lesen aus der Bibel vor. Es kommt nicht selten vor, dass an den Wänden ihrer Wohnungen Sprüche aus den Psalmen zu lesen sind. Auch in meiner Klasse gibt es ein paar wenige, die sehr religiös sind und über ihren Glauben an Gott sprechen. Manchmal erzählen sie von ihren Erfahrungen mit typischen heiligen Orten wie Kirchen.

Ein heiliger Ort ist für mich ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, dort geht es mir gut. Wenn ich «heiliger Ort» höre, denke ich nicht automatisch an ein Gotteshaus.

«Ein heiliger Ort hat für mich nichts mit Gott zu tun, bedeutet für mich aber etwas ganz Persönliches und ist somit ebenso heilig für mich wie für Gläubige deren Gotteshaus.»

Mia Kreuzer

Bin ich in einer Kirche, fühle ich mich schon anders als sonst irgendwo. Die Ruhe und im Allgemeinen die Atmosphäre in einer Kirche sind beeindruckend. Es ist klar, dass man sich ruhig verhält, aus Respekt denen gegenüber, welche die Kirche als Zufluchtsort betrachten und diesen aufsuchen, um Gott nahe zu sein.

Heilige Orte sind für mich etwas Subjektives, jeder nimmt seinen heiligen Ort ein bisschen anders wahr. Für mich steht aber fest, dass mein heiliger Ort nicht mit meinem Lieblingsort gleichgestellt werden kann. An meinem Lieblingsort bin ich gerne, weil ich es gemütlich finde. Zu meinem heiligen Ort gehe ich, wenn ich meine Ruhe haben will oder wenn es mir nicht so gut geht. Dort weiss ich, dass ich mich absolut wohl und schon fast geborgen fühle.

Mein heiliger Ort war nicht von Anfang an mein heiliger Ort. Vor ein paar Jahren haben meine beste Freundin und ich angefangen, uns immer häufiger dort zu treffen. Wir haben dort oft tiefgründige Gespräche geführt oder auch einfach nur gechillt. Im Laufe der Zeit ist dieser Ort dann zu „unserem Ort“ geworden.

Mein heiliger Ort ist nur eine Treppe

Das Besondere an meinem heiligen Ort ist, dass er für andere Menschen etwas ganz Alltägliches ist, denn mein heiliger Ort ist eine Treppe. Bestehend aus gewöhnlichem Stein, hat die Treppe nur ungefähr zehn Tritte und gehört zu einem Bürogebäude. Sie befindet sich in einem völlig normalen Wohnquartier, mitten im Kirchenfeld. Von aussen ist an der Treppe nichts speziell. Sie fällt nicht auf und ist auch nicht extrem schön. Im Sommer scheint die Sonne auf die Treppe, das gefällt mir besonders. Auch wenn es regnet, bin ich dort gut aufgehoben, da es ein kleines Glasdach darüber hat. Es stört mich ebenfalls nicht, wenn es draussen kalt ist, dann packe ich nämlich eine Decke ein und mache es mir bequem.

Witzig ist, dass es zwei solche Treppen hat. Das Gebäude ist ziemlich symmetrisch gebaut, ich gehe jedoch immer zur selben Treppe. Ich denke, das liegt daran, dass meine Treppe direkt an ein Gebüsch grenzt, wobei ich von der einen Seite dann das Gefühl habe, geschützt zu sein. Ich bin von meiner Treppe auch näher an der nächsten Querstrasse und somit näher an meinem Zuhause.

Hier fühle ich mich sicher und wohl

Gerne gehe ich zu meinem heiligen Ort, wenn ich Abstand von zu Hause brauche.

«Obwohl die Treppe nicht weit von meinem Zuhause ist, habe ich dennoch das Gefühl, dass ich alleine und unbeachtet bin.»

Mia Kreuzer

Mein heiliger Ort ist ein Ort, wo zum Beispiel meine Eltern nie hingehen würden. Auch Leute, die daran vorbeilaufen, kommen nicht auf die Idee, sich dort hinzusetzen. Das gibt mir ein besonders sicheres Gefühl, weil ich weiss, dass ich nicht gestört werde und dass ich meine Ruhe geniessen kann. Einen Moment Abstand nehmen zu können, finde ich schön. 

Ist es zu Hause stressig, gehe ich meistens zur Treppe. Wenn ich alleine auf der Treppe bin, höre ich eigentlich immer Musik. Meistens rauche ich dann eine Zigarette. Ich kann nicht sagen, wie lange ich mich dort aufhalte. Manchmal sind es fünf Minuten und manchmal auch zwanzig. Das ist sehr unterschiedlich und kommt auf meine Laune und momentane Stimmung an. Wenn ich aber meine beste Freundin treffe, kann es viel länger dauern. Manchmal trinken wir Wein und hören zusammen Musik. Das dauert oft zwei Stunden. In diesem Fall machen wir es uns immer bequem. Oft gehen wir nach einer Stunde spazieren und kommen nach dem Spaziergang wieder dorthin zurück.

«Einen Typen würde ich nie an meinen heiligen Ort mitnehmen. Ich hätte Angst, dass er mir diesen Ort kaputt machen würde. Ich hätte auch Angst, dass der Typ mich dann immer dort würde treffen wollen. Dann wäre es ja nicht mehr mein eigener Ort.»

Mia Kreuzer

Eigentlich möchte ich dort nur Sachen machen, bei denen ich mir sicher bin, dass sie nicht vergänglich sind. 

Heilig ist der Ort für mich, weil er es für niemand anderes ist

Ich mag das Gefühl zu wissen, dass kein anderer so über die Treppe denkt, wie ich es tue. Ich finde das lustig und bin froh darüber. Ein Ort kann für mich nicht heilig sein, wenn ich dort nicht alleine sein kann. Im Marzili habe ich zum Beispiel nie meine Ruhe, weshalb ich es auch nicht als heiligen Ort bezeichnen würde. Die Treppe ist ein Ort, wo niemand anderes sich einfach hinsetzt. Auf die Idee kommt man gar nicht. Das ist bei den meisten öffentlichen Orten nicht der Fall. Deshalb ist das Marzili auch eher ein Lieblingsort als ein heiliger Ort.

Das Private und Persönliche an der Treppe macht sie für mich heilig. Die Spiritualität sehe ich darin, dass ich mich dort wirklich spüren kann. Ich werde nicht abgelenkt, weil der Ort niemanden interessiert. Sollte jemand dort sein, läuft die Person nur vorbei, und das stört mich nicht, weil ich weiss, dass ich einen anderen Bezug zur Treppe habe. Wie die Christen in der Kirche zu sich finden, kann ich bei der Treppe ein Chaos in meinem Kopf bündeln und aufräumen.

Jeder Mensch braucht einen heiligen Ort

Ich finde es wichtig, dass jeder Mensch einen heiligen Ort hat, einen Ort, an dem es ihm gut geht: Dort fühlt er sich wohl und kann seine Ruhe finden. Wenn jemand betet, kann er dort beten. Wenn jemand Geschichten schreibt, kann er dort Geschichten schreiben. Dies alles mit einem oftmals klaren Kopf. Das ist das A und O. Ein Lieblingsort wäre dafür zu einfach. Dort würde ich mir niemals so viele Gedanken machen.

1 Antwort

  1. Liv sagt:

    Hallo Rafaela und Felizia,
    Nach Betrachtung des Bildes habe ich etwas ganz Anderes erwartet. Ich habe die Treppe mit dem Aufstieg zum Himmel und somit etwas göttlichem verbunden. Es gefiel mir sehr gut, wie ich dann vom Text überrascht wurde. Besonders geblieben ist mir, dass die porträtierte Person nur einsam oder zusammen mit ihrer Besten Freundin an diesem Ort sein kann, da er für sie sonst an Heiligkeit verliert. Ich würde ihr wohl noch folgende Fragen stellen: Hat sich noch nie jemand neben dich gesetzt? und falls ja, hast du mit dieser Person gesprochen oder sie einfach ignoriert?
    Liebe Grüsse und bleibt gesund Liv:)

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