Auge der Göttin

Bild: Johanna Lena Bär

Das «Auge Shivas» ist ein beliebter und bekannter Gegenstand in fast allen Kulturen der Welt. Sein Name variiert mit der Herkunftsgegend. Die Person, die dieses Interview mit mir machte, ist ein:e gut:e Freund:in von mir, der:die eine lange Zeit mit mir zur Schule ging. They besitzt ein «Auge Shivas» in Form einer Halskette als Glücksbringer.

von Johanna Lena Bär

Die Herkunft eines Glücksbringers

Alex geht ans Gymnasium und kommt aus dem Umraum Bern. They macht gerne Musik, malt und engagiert sich politisch. Als Glücksbringer hat Alex ein Operculum mitgebracht, manchmal auch «Occhio di Santa Lucia», «Auge Shivas» oder «Venusnabel» genannt. Es ist ein kleines Stück Kalkstein, etwa ein Zentimeter im Durchmesser, darauf ist eine wunderschönen Spirale zu sehen. Das Operculum ist ein Stück Kalk, das Meeresschnecken, wie zum Beispiel die gerippte Turbanschnecke oder das Tritonshorn, verwenden, um ihr Gehäuse zu verschliessen um sich vor Fressfeinden zu schützen. Wenn die Schnecke stirbt, löst es sich vom Rest des Gehäuses und wird durch die Strömung irgendwann an den Strand gespült. Dort wird es dann zum Beispiel von Tourist:innen oder einheimischen Fischer:innen gefunden. Die Opercula werden oft als Ferienmitbringsel mit nach Hause gebracht oder auch professionell zu Schmuck verarbeitet. Alex‘ Operculum ist aber nicht einfach ein durch Zufall am Strand gefundenes Mitbringsel aus den Ferien, sondern eine in Silber gefasste Halskette. 

Auf die Frage, woher they diese Kette hat, antwortet Alex, they hätte es von their Mutter zum Geburtstag bekommen. «Es war ein Mittwoch und meine Mutter hat extra frei genommen, so dass wir meinen fünfzehnten Geburtstag zusammen feiern konnten. Sie hat den Anhänger auf dem ‹Märit› gekauft und mir nachmittags am Moossee geschenkt. Wir waren schwimmen und überhaupt war der ganze Tag mega schön.»

Der Ursprung eines Glücksbringers

Ein Glücksbringer wird oft nicht als solcher gekauft, sondern entwickelt sich im Laufe der Zeit dazu. Oft spielen auch Emotionen und Erinnerung in die Funktion hinein.

Warum es gerade dieser Gegenstand ist, der Alex Glück bringt, hat vor allem zwei Gründe. Er ist flach und durch sein Material relativ kühl, das macht ihn angenehm zum Tragen. Das Material hat eine glatte Textur, aber eine Kante zwischen Fassung und Stein macht es auch interessant zum Anfassen. Das Operculum bringt also auch auf einer physischen Ebene Glück, einfach weil es beruhigend ist, es zwischen den Fingern zu drehen oder in der Hand zu halten. 

«Ein Glücksbringer ist wie ein Emotionaler Spickzettel. Es stehen nur Sachen drauf, die du eigentlich weisst, so dass du dir sagen kannst, alles wird gut. Und du musst auch nicht Angst haben, es zu vergessen, da du ja den Glücksbringer hast.»

Alex

Der zweite Grund ist etwas schwieriger in Worte zu fassen, Alex erklärte es so: «Manchmal, wenn du nicht mehr weisst, wie Glücklichsein geht, ist der Glücksbringer wie eine Erinnerung ans Wohlfühlen, weisst du, was ich meine?» Ich bat them, es noch etwas ausführlicher zu erläutern, da ich es noch nicht hundertprozentig verstanden hatte. «Ein Glücksbringer ist wie ein emotionaler Spickzettel. Es stehen nur Sachen drauf, die du eigentlich weisst, so dass du dir sagen kannst, alles wird gut. Und du musst auch nicht Angst haben, es zu vergessen, da du ja den Glücksbringer hast.»

Diese Überlegung fand ich sehr schön, da es die Funktion eines Glücksbringers ziemlich gut beschreibt. Man könnte ja auch sagen, dass der Begriff des Glücksbringers auf eine Art das Fehlen von Glück impliziert, das würde dann aber bedeuten, dass der Person, welcher der Glücksbringer gehört, Glück fehlt. Es als etwas zu sehen, dass jemanden an die eigenen Fähigkeiten erinnert, ist eine um einiges akkuratere Feststellung. Vor allem erhält es den Glauben in die eigenen Fähigkeiten und der Glücksbringer bekommt eine unterstützende, statt eine vorherrschende Funktion.

Die Herkunft des Operculums spielt auch eine grosse Rolle in seiner Funktion als Glücksbringer, sagt Alex. «Meine Mutter hat ein Paar Ohrringe aus Ammoniten, also auch ein Schmuckstück mit einer Verbindung zum Meer. Es ist also auch eine Art Nachahmung einer Person, zu der ich als Kind aufgeschaut habe, und die ja auch das ganze Leben lang eine Art Vorbild ist.» Auf die Frage, weshalb Alex their Mutter als Vorbild bezeichnen würde, antwortet Alex, dass es vor allem ihre Eigenschaften wären, die sie zum Vorbild machen. Sie ist eine liebevolle und liebenswürdige Person, und diese Qualitäten sind durchaus erstrebenswert. 

Die Funktion eines Glücksbringers

Das Operculum ist ein allgemeiner Glücksbringer, seine Wirkung ist also nicht auf eine einzelne Situation oder Funktion beschränkt. Es kann überallhin mitgenommen werden, ohne dass seine Wirkung eingeschränkt oder aufgehoben wird. Ich frage Alex, ob they mir eine Situation beschreiben kann, in welcher der Glücksbringer Alex Glück gebracht hat. «Während eines Klimastreiks geriet ich in eine Polizeikontrolle. Ich war unsicher, ob sie mich mitnehmen, also verhaften, würden, aber das haben sie dann nicht getan. Das war also durchaus eine Situation, in welcher der Glücksbringer seinen Zweck erfüllt hat.» 

Ich frage Alex, was they denkt, was passiert wäre, wenn they den Glücksbringer nicht dabeigehabt hätte. «Ich weiss es nicht», antwortet Alex. «Das worst-case Szenario wäre natürlich gewesen, dass sie mich verhaftet hätten.» Da sind wir natürlich beide froh, dass das nicht passiert ist …

Die Frage «Was wäre gewesen, wenn …?», lässt sich nicht abschliessend beantworten. Ob es der Glücksbringer war, der die betreffende Person vor einer schlimmeren Situation beschützt hat oder ob die Situation auch ohne Glücksbringer so verlaufen wäre, das steht in den Sternen. Denn um die Frage zu beantworten, müsste die Situation zur selben Zeit am selben Ort noch einmal erlebt werden, und das ist physikalisch unmöglich. Ich denke, dass ein Glücksbringer dann Glück bringt, wenn die betroffene Person daran glaubt, dass er es tut. Ob das dann dem Glauben zuzuweisen ist, dass es Glück bringt, oder ob er tatsächlich hilft, kann ich nicht sagen. 

4 Antworten

  1. Kaltrina sagt:

    Ich finde dein Portrait ist dir wirklich sehr gut gelungen. Mich fasziniert das Auge Shivas selber und ich fand es spannend mehr darüber zu erfahren. Ausserdem finde ich, dass dein Text sehr flüssig und einfach zu lesen ist.

  2. Jan sagt:

    Mir gefällt dein Porträt sehr gut. Ich finde, dass du über spannende Überlegungen und Ansichten in deinem Texts schreibst. Was ein Glücksbringer genau ist und was es heisst einen zu besitzen, sind sehr spannende Fragen.

  3. lucia sagt:

    Es ist dir gut gelungen, Zitate einzubauen und man kommt der Person näher. Es ist interressant zu sehen was die Person für eine Verbindung zum Gegenstand hat.

  4. amina sagt:

    Dein Portrait war sehr spannend zu lesen und finde es interessant zu sehen, wie der Glücksbringer als eine „Erinnerung ans Glücklichsein“ dargestellt wird.

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