Schutz vor bösen Blicken

Bild: Julia Sutter

Das Nazar Boncuk ist ein aus dem Orient stammendes Amulett, das vor allem einen Zweck erfüllt: Es soll vor bösen Blicken schützen. Die 16-jährige Gymnasiastin Isra ist im Besitz solch eines Glücksbringers. 

von Julia Sutter

Isra ist 16 Jahre alt, besucht das Gymnasium mit dem Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht und besitzt einen Glücksbringer namens «Nazar Boncuk». Sie selbst ist Atheistin. Religion spielte und spielt auch immer noch eine grosse Rolle in ihrem Leben. Aufgewachsen ist sie nämlich in einem religiösen türkischen Haushalt.  

Die Blick-Perle

Der Begriff «Nazar Boncuk» kommt aus dem Türkischen und bezeichnet ein Amulett, das ursprünglich aus dem orientalischen Raum kommt. Zur heutigen Zeit ist es aber weltweit verbreitet. «Nazar» heisst so viel wie Sehen, Blick oder Einsicht, und «Boncuk» bedeutet so viel wie Perle. Man kann es also mit «Blick-Perle» übersetzen. Es ist jedoch keine Perle, sondern ein blaues Auge aus Glas. Es besteht aus verschiedenfarbigen Kreisen. Der äusserste Kreis ist dunkelblau gefärbt, und ist am dicksten. Dann kommt ein weisser Kreis, gefolgt von einem hellblauen, und zum Schluss noch ein kleiner schwarzer Kreis. Es ist wie ein echtes Auge aufgebaut, den äussersten Kreis ausgeschlossen: Es enthält das Weisse vom Auge, auch genannt Sclera, die Pupille und die Iris. Isra erklärt mir, dass es gemäss türkischem Volksglauben Menschen gibt, die einen unheilvollen Blick haben. Der blaue Glücksbringer soll vor diesem Blick schützen. Der böse Blick bezeichnet die Angst vor Menschen, die einem etwas schlechtes wollen. Das Auge wirkt also gegen Neid und Hass und blockt allgemein das Schlechte ab. Man sagt, das Glas würde zerspringen, wenn es gewirkt hat. Die Nazar-Glücksbringer gibt es in jeglicher Form, als Schmuck, als Aufkleber oder Magnete und sogar auf Geschirr. Isras Exemplar ist sehr simpel, ein rundes Stück Glas eben, ohne Möglichkeit, es aufzuhängen. Daher trägt sie das Nazar Boncuk immer in ihrer Handtasche mit sich. Dafür hat es nämlich die perfekte Grösse, und ihre Handtasche hat Isra auch immer dabei. Darin bewahrt sie all ihre wichtigen Sachen auf, wie ihr Handy, ihre Kopfhörer, ihr Portemonnaie und eben ihren Glücksbringer.

Religion und Kultur gehen Hand in Hand

Für Isra selbst hat das Auge vor allem eine kulturelle Bedeutung. Sie ist mit der türkischen Kultur aufgewachsen, da ihre Eltern ursprünglich aus der Türkei kommen. Das Nazar Boncuk war daher auch in ihrer Kindheit präsent. Schon immer hing in ihrem Haus ein solcher Anhänger oder sie besass eine Kette mit diesem Auge. Mit Religion verbindet sie ihren Glücksbringer nicht spezifisch, aber Kultur und Religion würden häufig ineinander übergehen, so sagt sie. Isra bezeichnet sich selbst als Atheistin, und in ihrem Amulett fände sie eine Alternative zu Gottesschutz.  

Isra übt ihre Religion, den Islam, zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr aus. Doch für eine lange Zeit war sie Muslimin. Auch heute noch bemerkt sie die Spuren, welche die Religion hinterlassen hat. Der starke Einfluss ihrer Eltern, die einen grossen Wert auf den muslimischen Glauben legen, habe sie sehr geprägt, und präge sie auch heute noch. Vor allem weil bei ihr zu Hause gar niemand weiss, dass sie nicht an Allah glaubt, spielt Religion in ihrem Leben noch immer eine grosse Rolle. Sie müsse weiterhin so tun, als glaube sie an Gott, um den Respekt ihrer Eltern nicht zu verlieren. 

Wenn Isra nicht an Gott glaubt, glaubt sie dann tatsächlich an den Nutzen des Amuletts? Dies sei eine schwierige Frage für sie, denn sie sei sehr zwiegespalten. Sie habe immer zwei Stimmen in ihrem Kopf. Die eine sei davon überzeugt, dass das Amulett ihr Schutz bringt und sie vor den bösen Blicken schützt. Die andere jedoch hält dies für kompletten Blödsinn, denn es würde ja nichts Übernatürliches geben. Für Isra waren diese Ambivalenz und diese rationale Stimme in ihrem Hinterkopf damals auch die Auslöser für ihre Konflikte mit der Religion. 

«Ich glaube, Religion ist ein Weg der Menschheit, sich gewisse unerklärliche Dinge zu erklären. Vor allem, um sich etwas nach dem Tod erhoffen zu können. Der Gedanke daran, dass nach dem Tod möglicherweise gar nichts mehr ist, ist kein einfacher. Und Religion gibt einem Hoffnung: Wenn man ein guter Mensch war, dann kommt man in den Himmel.»

Isra

Der Fund des Auges war Schicksal 

Das Amulett besitzt Isra seit den Sommerferien. Sie hat es auf eine eher ungewöhnliche Art und Weise erhalten. Das Glasauge lag in einem Einkaufszentrum am Boden. Sie hat es aufgesammelt, und seit diesem Moment dient es zu ihrem Schutz. Den Fund bezeichnet Isra als Schicksal. 

«Das Auge hat seinen Weg zu mir gefunden, es war also für mich vorherbestimmt.»

Isra

Sie macht kein Geheimnis aus ihrem Glücksbringer, hängt ihn jedoch auch nicht an die grosse Glocke. Wenn sie darauf angesprochen werde, erzähle sie gerne etwas darüber, aber ansonsten rede sie eher nicht über das Auge. Einmal habe sie eine Freundin am Bahnhof getroffen. Diese habe ihr erzählt, sie hätte gleich eine Prüfung und ihren Glücksbringer vergessen. Daraufhin lieh Isra ihr das Nazar Boncuk aus. Ihre Freundin hätte sogar eine gute Note in diesem Test gehabt. Vielleicht habe der Glücksbringer also wirklich gewirkt, erzählt mir Isra.

Glück oder glücklich?

Isra unterscheidet zwei Arten von Glück. Einerseits Glück als Emotion. Das temporäre Gefühl von Glück, welches man zum Beispiel verspürt, wenn man Zeit mit seinen Freunden verbringt. Dann ist man kurzfristig glücklich. Das nicht temporäre, sondern langfristige Gefühl glücklich zu sein, würde Isra eher als Zufriedenheit betiteln. 

Andererseits versteht sie unter Glück Dinge oder Situationen, die zufällig geschehen und zu ihren Gunsten ablaufen. Zum Beispiel, dass in einer Prüfung genau das abgefragt wird, was man gelernt hat. Oder dass man trotz helmlosem Fahrradfahren heil zu Hause ankommt. Vielleicht sogar, dass man im Lotto gewinnt. Dies ist die Art von Glück, die sie auch mit dem Nazar Boncuk verbindet. 

Ob das Auge Isra nun wirklich Glück bringe, sie wirklich vor bösen Blicken schütze, das wisse sie nicht, und das werde man auch nie herausfinden. Doch was schadet ein bisschen Glaube an das Übernatürliche? 

3 Antworten

  1. Yael sagt:

    Dieser Text ist sehr vielfältig. Mir gefällt die Unterteilung von Glück und glücklich. Ausserdem finde ich es super mit einer Frage den Text zu beenden.

  2. Amina sagt:

    Das Portrait ist sehr interessant und unterhaltsam zu lesen. Insbesondere deshalb auch, weil die interviewte Person den Glücksbringer zufällig gefunden hat und dies als Schicksal bezeichnet

  3. Oscar sagt:

    Hallo Julia
    Das Portrait ist sehr gut strukturiert. Dazu kann ich auch schätzen, wie detailliert die Hintergeschichte des Glücksbringers beschrieben wurde.

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