Würfel für die Reise

Bild: Nina Van Maele

In diesem kurzen Porträt wird die Geschichte von Sophia und ihrem Glücksbringer erzählt. Der Glücksbringer wurde ihr von einem lieben Freund geschenkt, um sie auf ihrer Reise durch Amerika im Jahre 1995 zu beschützen. Heute liegt er gut aufbewahrt in einer Schmuckschatulle. 

von Nina Van Maele

«Hallo, ich bin ein kleiner metallischer Würfel. Ich bin vor über 25 Jahren in den Besitz von Sophia gekommen und habe sie auf ihrer USA-Reise während 3000 Meilen durch sechs Staaten begleitet. Heute habe ich meinen Platz in der Schmuckkiste. Wenn ich mich beschreiben müsste, wäre ich klein, kantig und silbrig, an einer meiner 6 Seiten fehlt absichtlich ein kleiner Teil, bei einer anderen Seite ist ein kleiner Miniquader angebracht, wie eine kleine Ausstülpung. Ich denke, mich gibt es nur einmal auf dieser Welt.»

Steckbrief des Glücksbringers
  • Kategorie: Ausstellungsstück/Dekoration
  • Beschreibung: Ein Würfel, nicht ganz ein Quader, silbrig glänzend, grundsätzlich glatt, auf einer Seite ist ein Miniwürfel eingelassen, auf einer anderen Seite fehlt absichtlich ein Stückchen. Der Abriss ist rauh und hat die Form eines Dreiecks.
  • Erwerbsbemerkung: Geschenk eines guten Freundes, vermutlich selbstgemacht, ein Unikat
  • Material/Technik: Metall
  • Zustand: etwas angelaufen, kleine Kratzer
  • Masse: fast 1 cm x 1 cm
  • Ortsbezug: Amerikareise
  • Datierung: erhalten September 1995
  • Inschrift: keine

Wie es zu diesem Glücksbringer kam

Um die Geschichte dieses Würfels herauszufinden, habe ich mich an einem regnerischen Nachmittag mit Sophia getroffen. Ich wusste im Voraus schon, dass es sich bei dem Glücksbringer um einen Metallwürfel handelt. Mehr wusste ich nicht. Vor mir auf dem Tisch liegt nun dieser silbrig glänzende Würfel. Es ist heute beim Treffen mit Sophia das erste Mal, dass ich so ein Stück Metall sehe.

Im September des Jahres 1995 steht Sophia vor einer Amerikareise, sie reist ganz allein. Kurz vor ihrer Reise besucht sie einen guten Freund von ihr, einen jungen Mann mit einer warmen Aura. Dieser Freund ist sehr charismatisch, spirituell und mitfühlend. Sophia erzählt ihm von ihrer Reise, die sie bald antreten wird. Es braucht Mut und auch Überwindung, sich alleine in ein solches Abenteuer zu stürzen. Man wird von der Angst begleitet, es könnte ja etwas schief gehen. 

«Warte, ich gebe dir etwas mit, dann kann dir nichts passieren.» Mit diesen Worten geht der junge Mann in sein Arbeitszimmer und kommt mit ebendiesem Würfel zurück. Falls sie in Schwierigkeiten geraten würde, solle Sophia den Würfel in die Hand nehmen: Er selbst mache sich ganz klein, sei bei ihr in diesem Würfel und werde sie beschützen. Vermutlich hat der besagte Freund den Würfel selbstgemacht. Er hatte sich die Schmiedekunst selbst beigebracht. 

«Ich denke, der Würfel war ein Globalschutz über meine ganze Reise.»

Sophia

Sophia glaubt fest daran, dass der Würfel die ganze Zeit über wirkte. Sie erlebte in Amerika den «Indian Summer» und eine der besten Zeiten ihres Lebens. Auf ihrer Amerikareise widerfuhr ihr nichts Schlechtes. Unterwegs hat sie viele, ihr wohlgesinnte Menschen kennengelernt. Ihr wurde nichts gestohlen und sie kam nie in eine gefährliche Situation. In einigen Momenten aber war der kleine Geist im Würfel doch da.

Die Geschichte von Bethlehem

Sophia lebte von der Hand in den Mund, plante ihre Route am Morgen und fuhr ohne Handy und ohne GPS durch die Staaten. Eines Abends, es wurde schon dunkel, kam Sophia im Ort Bethlehem, New Hampshire, an. Sie suchte nach einem Hostel oder Bed and Breakfast für die Nacht. Sie wusste nicht, dass dieser Tag ein Feiertag war und die meisten Unterkünfte schon ausgebucht waren. Bei einem B&B schlug der Besitzer eine andere Unterkunft vor, in der es noch Platz haben könnte, er selbst hätte erst in der nächsten Nacht wieder ein freies Zimmer. Sie fuhr zu diesem B&B und konnte dort in einem Nebengebäude schlafen. In einem Bett zu schlafen war ihr tausend Mal lieber als in ihrem Mietauto. Die Unterkunft sah jedoch nicht sehr vertrauenswürdig aus. Sie konnte Tür und Fenster nicht richtig verriegeln und hatte ein mulmiges Gefühl bei dieser Übernachtung. Doch der kleine Glücksbringer beschütze Sophia in dieser Nacht.

Der kleine Ort Bethlehem hat gefiel ihr sehr, obwohl es nicht viele Sehenswürdigkeiten zu sehen gab. Am nächsten Morgen ging sie zum B&B vom Vortag und reservierte ein Zimmer für die kommende Nacht. Das Haus war auf zwei Etagen, mit wunderschönen Möbeln, von aussen ein typisches weisses Kolonialhaus mit Veranda und einer Schaukel. In dieser Unterkunft hatte Sophia dann einen grossartigen Abend mit feinem Essen, schöner Musik und tollen Menschen. Sie blieb noch eine zweite Nacht in diesem aussergewöhnlichen B&B.

Alleine nach Montreal

In Bethlehem lernte Sophia auch ein Paar auf ihrer Hochzeitsreise kennen. Dieses kam aus Montreal, Kanada, und lud Sophia zu sich nach Hause ein. Also plante Sophia einen Abstecher nach Kanada. Montreal ist eine Millionenstadt und dementsprechend sind auch die Autobahnen; sechsspurige Highways bis zum Zentrum, unzählige Ausfahrten und Möglichkeiten, falsch zu fahren. Sophia fand aber auf Anhieb die richtige Ausfahrt und die richtigen Strassen in einen Vorort von Montreal. Sie kam vor der genau richtigen Häuserzeile zum Stehen. Auch hierbei denkt Sophia, dass der kleine Würfel ihr Glück brachte.

«Letztlich ist es nicht das Objekt an sich, das eine glücksbringende Wirkung hat, sondern der Mensch, der all seine guten Gedanken und Energie mitgibt und an einen denkt.» 

Sophia

Ein Glücksbringer ist die Verkörperung von Wünschen, guten Absichten und positiver Energie, welche die schenkende Person einem Menschen mitgeben will. Ein Objekt, an das man ganz fest denken und überall mitnehmen kann. Die positive Energie ist darin «gespeichert».

Heute hat Sophia zu ihrem damaligen guten Freund leider keinen Kontakt mehr. Der Würfel jedoch erinnert sie bis heute noch an diese tolle Freundschaft und an die Zeit, bevor sie eine Familie gründete. Sophia denkt gerne daran zurück und natürlich auch an die Reise, auf welcher der Würfel sie begleitet hat. Würde sie wieder eine ähnliche Reise unternehmen, wäre der Würfel jedoch nicht in ihrem Gepäck. Der Würfel ist nunmehr ein Erinnerungsstück, das ihr vor über 25 Jahren Glück gebracht hat.

2 Antworten

  1. Noémie sagt:

    Ich finde den kleinen Steckbrief über den Glücksbringer ganz toll! Auch dass du den ersten Teil aus der Perspektive des Objektes geschrieben hast, ist sehr interessant.

  2. Alia sagt:

    Mich hat dein Text über den Metallwürfel sehr gepackt und du hast einen sehr spannenden Schreibstil. Vor allem finde ich den Einstieg in den Text gelungen, denn durch die Perspektive des Würfels, gibt es einen ganz anderen Charakter.

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