Sicherheit ist ein Glück

Bild: Ella Sommer

Für Lia spielt es keine grosse Rolle, was genau es für ein Stein ist, den sie um den Hals trägt. Obwohl sie Atheistin ist, glaubt sie an die Wirkung des Anhängers und hat vor, diesen bis an ihr Lebensende zu tragen. 

von Ella Sommer

Die Vorgeschichte in der Vergangenheit

Als ich zehn Jahre alt war, kam mein Vater eines Abends nach seinem Sporttraining nach Hause und klopfte sanft an meine Zimmertür. Er kam herein und streckte mir eine Kette mit einem Stein entgegen. Er berichtete, dass diese schon seit einer Weile bei ihnen in der Turnhalle läge. Erst hatte er sich nicht dafür, die Kette einfach mitzunehmen. Mittlerweile bin ich ihm überaus dankbar, dass er er es getan hat. Er sagte, er habe an mich gedacht, und fragte mich, ob ich die Kette wolle. Bis auf den Stein fand ich die Kette eigentlich nicht so schön. Trotzdem freute ich mich über das Geschenk. Da ich und mein Vater nicht ein allzu enges Verhältnis haben und er mir nicht oft etwas schenkt, freute ich mich umso mehr darüber. Darauf gab er mir die Kette.

Noch am selben Abend löste ich den Stein von der Kette und kreierte mir eine neue Version mit einem anderen Band. Ich mochte die Kette sofort. Sie gab mir irgendwie ein Gefühl der Sicherheit. Woran das lag, weiss ich bis heute nicht. Kurze Zeit später musste ich in der Schule einen Test schreiben. Ich hatte grosse Angst davor. Ich hatte nicht wirklich grosse Erwartungen an diese Prüfung. Doch als ich sie eine Woche später korrigiert in die Hand gedrückt bekam, war ich sehr überrascht. Ich war viel besser als erwartet. Ich überlegte eine Weile, wie das nur sein konnte. Plötzlich erinnerte ich mich, dass mir mein Vater die Kette am Abend vorher geschenkt hatte. Es musste wohl an der Kette liegen.

«Seit dem Tag ist diese Kette mein Glücksbringer.»

Lia

Zurück in die Gegenwart

Heute bin ich 17 Jahre alt und trage die Kette immer noch jeden einzelnen Tag. Besser gesagt, ich kann nicht mehr ohne sie. Ohne sie fühle ich mich, als würde mir ein wichtiger Teil von mir fehlen.

Am Wochenende hatte ich einen Volleyballmatch und das Band der Kette ist durch all die Jahre dünn geworden und gerissen. Doch ich wollte den Stein auf keinen Fall auf die Seite legen, weil ich befürchtete, dass es mir Unglück bringen würde. Somit nahm ich ihn in meine Hosentasche und spielte so den Match. Wir haben das Spiel leider ganz knapp verloren. Für mich hängt es damit zusammen, dass ich den Stein weniger nah am Herzen trug. Und weil er meine Haut nicht direkt berührte. Zuhause habe ich ihn direkt auf ein neues Band gefädelt und ihn mir wieder um den Hals gehängt. Als er wieder zwischen den Schlüsselbeinen lag, empfand ich wieder dieses Gefühl der Sicherheit und Wärme durchflutete mich.

Der Stein an meiner Kette ist ein Edelstein. Es hat mich nie gross gekümmert, was es tatsächlich für ein Edelstein ist. Ich glaube, es ist eine Art von Achat, doch ich habe es nie abklären lassen. 

«Solange er mir Glück bringt, ist es mir auch nicht wichtig, um was für einen Stein es sich genau handelt.»

Lia

Im Allgemeinen fasse ich den Stein immer an, wenn ich an etwas denke und ich Glück brauche. Das ist meine Art, mein Glück zu manifestieren. Da ich Atheistin bin, kann ich nicht sagen, dass mein Glücksbringer eine religiöse Bedeutung hat. Doch ich mag Spiritualität. Ich bin eher abergläubisch als gläubig. Somit habe ich viele Rituale, welche ich einhalten muss. Andere würden sagen, es seien Zwangsstörungen, doch für mich sind es ganz klar meine kleinen Rituale. Sie betreffen nicht nur den Glücksbringer. Ich habe eine Schwäche für die Ziffer Drei. Ich muss zum Beispiel drei Mal den Stein reiben, wenn er mir Glück bringen soll. Bevor ich in mein Haus trete, muss ich immer unseren Briefkasten berühren, sonst wird meiner Familie etwas zustossen. Wenn ich meinen Stein nicht bei mir trage, wird jemandem in meinem Umfeld etwas zustossen. Solche Sachen bezeichne ich als meine Rituale. Im Allgemeinen glaube ich daran, dass Veränderung Unglück mit sich bringt. Oft frage ich mich selber, warum ich so denke. Doch ich glaube es kommt davon, dass immer, wenn es in meiner Vergangenheit eine grössere Veränderung gab, es etwas Negatives war oder negative Folgen hatte. 

Mehr zu meinem Charakter

«Wenn ich mich in drei Worten beschreiben müsste, wären es wohl ‹ehrgeizig›, ‹verschlossen› und ‹achtsam›.»

Lia

Ich bin sehr ehrgeizig und stehe mir manchmal vor meinem eigenen Glück. Das spüre ich hauptsächlich in der Schule, besonders bei Prüfungen. Doch dank meinem Glücksbringer kann ich mich wenigstens bei den Prüfungen selber etwas entspannen, weil ich auf ihn zählen kann. Mit ‹verschlossen› meine ich auf keinen Fall, dass ich nicht sozial bin oder etwas in dieser Art. Ich achte einfach sehr auf meine Privatsphäre und wem ich was über mich erzähle. Es wissen auch nicht wirklich viele Menschen in meinem Umfeld von meinem Glücksbringer oder der Wichtigkeit des Steines. Achtsam bin ich im Sinn von meinem Handeln. Ich überlege lieber zwei Mal, wie ich etwas tun sollte oder tun will, bevor ich es mache. Somit vermeide ich, ein Chaos im Kopf zu haben.

Ab in die Zukunft

In der fernen Zukunft hoffe ich, dass mich die Kette weiterhin begleitet und eine solch aktiver Rolle spielt in meinem Leben. Ich bin manchmal nicht wirklich gut darin, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Doch ich glaube daran, dass mir der Stein einen guten Instinkt verleiht. Und mich im weiteren Leben, wie zum Beispiel bei der Studienwahl oder auch im sonstigen Leben, auf einen guten Pfad weist. Eine meiner tollsten Vorstellungen ist, wie ich mit achtzig mit meine Freundinnen Tee trinke, über die alten Zeiten lache und ich die Kette immer noch wie heute um den Hals trage. Ich werde daran zurückdenken, wie fest der Stein mir geholfen hat und mir Glück brachte. Und irgendeinmal, wenn mein Umfeld an meine Beerdigung kommt, werde ich immer noch die Kette tragen und sie wortwörtlich mit ins Grab nehmen.

3 Antworten

  1. noé sagt:

    Ich finde es schön, wie auch die Zukunft erwähnt wird. Ich habe mir da selber noch nie Gedanken darüber gemacht.

  2. Julia sagt:

    Ich finde es sehr schön, wie die Bindung zwischen der interviewten Person und ihrem Vater dargestellt ist.

  3. Sophie sagt:

    Liebe Ella
    Dein Porträt gefällt mir sehr gut. Schön finde ich wie du die Beziehung zwischen Lia und ihrem Glücksstein beschrieben hast.

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