Wunderwirkung einer Blutzelle

Bild: Julia Moser

Vor vier Jahren habe ich meinen Glücksbringer, einen Plüsch-Erythrozyten, das erste Mal in den Händen gehalten. Seither habe ich eine starke emotionale Bildung zu dem Objekt, welches ich ursprünglich nur aus Jux bestellt hatte.

von Julia Moser

Der Glücksbringer aus dem Internet

Von einem Glücksbringer würde normalerweise erwartet, dass er geheimnisvoll aussieht, vielleicht in Form einer Kette, gemacht aus Edelsteinen, vorzugsweise als Familienerbstück weitergegeben. Mein Glücksbringer passt gar nicht in dieses Schema, doch das ist, was ihn für mich so besonders macht. Mein Glücksbringer ist eine Plüschversion eines roten Blutkörperchens. Also ein Plüsch-Erythrozyt. 

Ich war schon immer fasziniert von der Biologie, der Natur und allem, was uns Leben gibt. Es löst in mir eine Art Ehrfurcht aus. Daher liegt es nahe, dass ich jetzt, mit 21 Jahren, Biologie studiere an der Universität Bern. Doch meinen Glücksbringer hatte ich schon, bevor ich mein Studium angefangen habe. Ich habe ihn nämlich vor etwa vier Jahren gekauft. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir gerade das Thema Blut in der Schule, und ich war masslos fasziniert von den unglaublich kleinen Zellen, die in unserem Körper umherschwimmen und für uns Arbeit verrichten.

Jede meiner Zellen arbeitet nur für mich. Und am meisten fasziniert war ich von den Erythrozyten, denn diese winzigen, roten Blutkörperchen sehen in meinen Augen fast aus wie ein Kissen. An diesem Abend habe ich am Familientisch erwähnt, wie fasziniert ich bin von diesen winzigen Wundern. Da sind wir darauf gekommen, dass man im Internet möglicherweise ein Kissen kaufen kann, welches einen Erythrozyten darstellt. Somit sind wir auf eine Webseite gestossen, die kleine Plüschversionen von sämtlichen erdenklichen Zellen, Viren, Bakterien und Einzellern verkauft. Da konnte ich nicht widerstehen und habe mir einen Plüsch-Erythrozyten bestellt. Ich hatte dies nur aus Jux getan, ich habe nicht erwartet, dass dieses Blutkörperchen mal so eine Bedeutung für mich haben wird.

Ein Erythrozyt im Krankenhaus

Ich kann nicht genau erklären, was den Internetfund zu meinem Glücksbringer gemacht hat. Ich hatte, direkt nachdem das Paket angekommen war, eine emotionale Bindung zu dem Plüschartikel. Wahrscheinlich war es das Zusammenspiel meiner Faszination für die Biologie und den menschlichen Körper und meiner allgemeinen Sympathie für dieses spezifische Objekt. Doch seither ist der Erythrozyt etwas, was mir Kraft und emotionale Unterstützung gibt. Er hilft mir vor allem in Prüfungssituationen. Wenn ich ihn nicht dabeihabe, werde ich fast nervös. Bei Prüfungen an der Universität habe ich ihn immer in der Tasche. Doch in Alltagssituationen befindet sich der Glücksbringer in meinem Zimmer. Dort kann er nicht verloren gehen, und ich weiss immer genau, wo er ist. Und wenn ich ihn mal nicht finde, dann suche ich ihn, bis ich ihn ausfindig gemacht habe, sonst werde ich nervös.

Eine Situation, in der mir mein Glücksbringer sehr geholfen hat, war, als ich letzten Frühling meine Rückenoperation hatte. Der Eingriff war ziemlich schwer und deshalb auch nicht wenig belastend. Ich habe mir oft Sorgen gemacht, und genau in dieser Situation hat er mich unterstützt. Mein Glücksbringer gibt mir immer das Gefühl, nicht allein zu sein. Auch ins Spital habe ich den Plüsch-Erythrozyten mitgenommen. Die Operation ist ohne Schwierigkeiten verlaufen, und aufgrund meines Glücksbringers konnte ich mich auch viel beruhigter darauf einlassen.

Der Saft des Lebens

Schon als Kind wurde mir beigebracht, dass alles möglich ist. Wir sind keine religiöse Familie, jedoch ist bei uns der Glaube vertreten, dass es vieles gibt, was wir nicht erklären können. Deshalb ist es in der Familie normal, einem bestimmten Objekt eine Bedeutung zuzuschreiben oder dieses sogar in ein Ritual einzubauen; es wird keineswegs als Unsinn abgestempelt. Ich folge also keiner Religion, doch ich gehe davon aus, dass es etwas Unsichtbares gibt, was verschiedene Wesen verbindet. Man könnte es mit dem Wort Schwingungen beschreiben. Für mich macht es also mehr als Sinn, dass ein Objekt, welches eine grosse emotionale Bedeutung für mich hat, mir auch gute Energien senden kann und mich unterstützen kann. 

«Für die Natur verspüre ich eine Art Ehrfurcht.»

Ausserdem war der menschliche Körper für mich schon immer fast etwas Heiliges. Für mich repräsentiert der Körper die Natur. Für die Natur verspüre ich eine Art Ehrfurcht. Sie ist unser Zuhause und gibt uns Leben. Sie ist geradezu das Leben. Deshalb wertschätze ich sie so sehr. Dies überträgt sich auch auf den Körper. Die faszinierende Art, wie der Körper funktioniert, die Zellen Tag und Nacht arbeiten und untereinander kommunizieren, erinnert mich immer an unseren Planeten, an unser Ökosystem, welches perfekt abgestimmt ist. Vielleicht hat es mir deshalb dieser Glücksbringer so angetan. Das Blut, das in unseren Adern fliesst, ist unser Lebenssaft. Der Erythrozyt ist für mich ein Symbol für das Leben, fürs Gesundsein und dafür, dass alles funktioniert. 

Gedankenkraft

Ich sehe meinen Glücksbringer als eine Art eigenes Bewusstsein. Er weiss, was er zu tun hat. Ich muss nur an meinen Wunsch denken, und mein Glücksbringer erfasst dies sofort. Es ist kein Ritual damit verbunden. Deshalb vertraue ich auch so stark auf ihn. Ich glaube daran, dass er nur dadurch, dass ich ihm in Gedanken eine Aufgabe gebe, und ihn mit meinem eigenen Bewusstsein die Energie gebe, die er braucht, seinen Zweck erfüllt.

Als ich im Kindergarten war, hatte ich immer einen kleinen Beutel um den Hals, gefüllt mit Edelsteinen. Ich habe sie mir immer passend zur Situation ausgesucht. Dies habe ich unter anderem von meinen Grosseltern gelernt. Meine Grossmutter schenkte mir regelmässig Edelsteine zum Geburtstag und hat mich somit in diese Welt eingeführt. Auch noch heute beschäftige ich mich mit Edelsteinen und ihrer Bedeutung, jedoch hatte noch nie ein Objekt eine so grosse emotionale Bedeutung für mich, wie der Plüsch-Erythrozyt. Denn die Edelsteine verwickle ich in ein Ritual, indem ich sie auflade. Ein eigenes Bewusstsein ist für mich in ihnen nicht vorhanden. Der Erythrozyt ist deshalb für mich einmalig.

4 Antworten

  1. noé sagt:

    Ich fand es sehr interessant, über diesen Glücksbringer zu lernen, da er ziemlich aussergewöhnlich ist. Die Verbindung von der Person zum Plüsch-Erythrozyten ist aus meiner Sicht unglaublich gut beschrieben und die bildhaften Vergleiche fand ich sehr interessant und bringen mich zum Nachdenken.

  2. Ella sagt:

    Super Text! Deine Art zu schreiben ist mir sehr nahegegangen und ich fand die Formulierungen sehr gut!

  3. Alia sagt:

    Liebe Julia
    Ich fand dein Text sehr packend und unterhaltsam. Der etwas andere Glücksbringer hat mich sehr überzeugt und ich kann deine Schwester sehr gut nachvollziehen.

  4. Leonie sagt:

    hallo Julia, mega guete text. Ich fand es sehr spannend, dass deine Schwester ein sehr spannender und aussergewöhnlichen Glücksbringer hat, aber zeigt dass deine Schwester eine grosse Passion für die Biology hat, die du sehr schön beschrieben hat.

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