Gold wert

Bild: Charlotte Sophia Günther

Ein Kreuz aus Gold baumelt von einer langen Kette um Jeannines Hals. Seit es ihr vor einigen Jahren von ihrer verstorbenen Grosstante hinterlassen wurde, zieht sie es kaum ab. Das Kreuz ist ein hübsches, mit weissen Steinchen besetztes Schmuckstück, doch für Jeannine ist es noch mehr als das.

von Charlotte Sophia Günther

Das Kreuz ist wohl das am häufigsten verwendete und wichtigste Symbol im Christentum. Es steht für den Tod Jesu am Kreuz und das Opfer, das er für die Menschheit vollbracht haben soll. Doch es steht nicht nur für Jesu Leiden, sondern auch für die Auferstehung und die Besiegung der Sünden. Somit ist das Kreuz ein Symbol der Hoffnung und der Erneuerung des Bundes zu Gott. Obwohl das Kreuz also ein klar religiöses Symbol ist, trägt es Jeannine nicht primär deshalb. Sie wurde schon oft darauf angesprochen und gefragt, ob sie Christin oder katholisch sei. Beides stimmt zwar, doch für Jeannine hat ihre Kette nicht viel damit zu tun. Sie ist nicht besonders religiös und es ist vielmehr der persönliche Wert, den die Goldkette so wichtig für Jeannine macht. Das Schmuckstück erinnert sie einerseits an ihre Grosstante, die vielen solchen Schmuck kaufte. Gold, Silber, Diamanten, sie hatte wohl eine regelrechte Kaufsucht, um ihre Kinderlosigkeit zu kompensieren, wie Jeannine ernst erklärt. Doch als Teil dieser Sammlung war das Goldkreuz noch lange kein Glücksbringer. Das Kreuz als Schmuckstück ist weit verbreitet und so war auch die Goldkette, die sich jetzt in Jeannines Besitz befindet, bloss ein Gegenstand unter vielen. Erst durch Jeanines Verbindung zum Schmuckstück wurde es zu etwas besonderem. Die Kette hat auch durch das blosse Tragen für Jeannine an Bedeutung gewonnen. Sie ist eine Konstante in Jeannines Alltag, die ihr Sicherheit gibt.

Losgelöst

Schlussendlich ist die Verbindung der Kette zur Grosstante ein schöner Beginn der Entwicklung hin zu einem Glücksbringer, doch Jeannine bezieht sich heute eher selten auf diese Verbindung. Die Kette gibt ihr nicht deshalb Kraft, weil sie beim bewussten Wahrnehmen des Kreuzes auf ihrer Brust an ihre verstorbene Grosstante denkt. Der Gegenstand hat sich sozusagen von seiner Herkunft losgelöst und inzwischen eine eigene wichtige Bedeutung erlangt. Jeannine kannte ihre Grosstante gut, auch wenn die beiden sich nicht oft sahen. Dass ihr das Kreuz nun nicht mehr primär als Erinnerungsstück an sie dient, sieht sie jedoch nicht als ungerecht oder ignorant an. Im Gegenteil sei es doch wunderschön, dass die Grosstante ihrer Grossnichte etwas so Wertvolles auch im übertragenen Sinne mitgeben konnte – ob dies nun bewusst war oder unbewusst.

Alles nur Aberglaube?

Jeannine glaubt nicht, dass ihr der Glücksbringer aus einer Art übernatürlichen Quelle heraus zu ihrem persönlichen Glück verhilft. Es ist vielmehr die Verknüpfung zwischen der Kette und positiven Gefühlen, die ihr in schwierigen Momenten Kraft gibt. So besinnt sich Jeannine zum Beispiel darauf, wenn sie sich allein oder sonst schlecht fühlt, oder sie ertappt sich dabei, wie sie den Kreuzanhänger vor einem Test in der Schule mit der Hand umschliesst. Sie lacht, als sie dies erzählt, und erklärt, dass sie es selbst nicht ganz versteht. Schliesslich geht sie nicht davon aus, dass ihre Chancen, im Test gut abzuschneiden, durch diese Geste steigen: Jeannine ist kein besonders abergläubischer Mensch. Es ist wohl mehr eine unbewusste Bewegung, die sich durch ihre Wiederholung verfestigt hat und inzwischen auch mit einer gewissen Besinnung oder Ruhe verbunden ist. 

«Glück ist, wenn du selber ein gutes Gefühl hast, dich also emotional und seelisch gut fühlst. Und da hilft die Kette halt schon, weil sie Sicherheit gibt.»

Jeannine

Jeannine ist sich auch nicht sicher, ob man ihr Kreuz als Glücksbringer bezeichnen kann. Denn verbindet man das Wort «Glücksbringer» oder die Gegenstände dahinter mit Aberglauben und der expliziten Funktion des «Glückbringens» wie zum Beispiel beim Lotto, sieht sie keine grosse Ähnlichkeit zu ihrer Kette. Doch Glück kann man auch anders definieren. So bedeutet es für die Trägerin der Goldkette besonders eins: Seelisches und emotionales Wohlergehen. Und da ihr das Kreuz dabei hilft, sieht sie es eben doch als eine Art Glücksbringer. Ausserdem ist Jeannine die Kette wegen ihres persönlichen Bezuges wichtig, auch ganz unabhängig von irgendeiner Wirkung, die sie hat. 

Dass die Kette objektiv betrachtet keine besonderen Kräfte hat oder sonst besonders aussergewöhnlich ist, heisst nicht, dass ihre Besonderheit nicht real ist. Sobald man etwas von ihrer Bedeutung und der Geschichte hinter dem Schmuckstück weiss, behandelt man es mit einer gewissen Ehrfurcht, die nicht nur aus dem Respekt vor seiner Besitzerin hervorgeht.

Unzertrennlich

Jeannine hat die Kette beinahe immer an. Obwohl sie leidenschaftliche Sportlerin ist, zieht sie ihren goldenen Glücksbringer auch beim Sporttreiben kaum aus – sofern dies möglich ist. Selbst beim Schwimmen und Duschen bleibt die Kette manchmal an, nur in der Sauna wird sie auf jeden Fall abgezogen, da das Metall schnell sehr heiss wird. Sie könnte die Kette zwar schon abziehen, auch während eines längeren Zeitraumes, aber sie würde sich besonders am Anfang nackt fühlen. Denn die Kette gehört zu Jeannine. Diese Verbindung mit der Kette hat sich Jeannine über die Jahre, in denen sie sie trug, angeeignet. Warum sie damit angefangen hat, die Kette immer zu tragen? Rückblickend lässt sich dies schwer sagen. Einerseits gefiel dem jungen Mädchen, das Jeannine damals noch war, das schöne Schmuckstück und wohl auch die Verantwortung, die ihr gemeinsam mit der wertvollen Goldkette übergeben wurde. Andererseits wurde es wohl einfach zur Gewohnheit, die Kette immer länger anzubehalten – nicht zuletzt aus Bequemlichkeit.

«Ich denke, du kannst gewisse Sachen auch mit Gegenständen verknüpfen. Es ist ein gutes Gefühl, was ich mit dieser Kette verbinde, und wenn ich sie bewusst wahrnehme, dann hilft dies mir dabei, ein positives Gefühl hervorzurufen.»

Jeannine

Jeannine weiss nicht, was aus der Kette wird, wenn sie sie einmal weitergibt, oder ob sie dies überhaupt tun möchte. Vielleicht landet das Kreuz aus Gold eines Tages wieder in der Anonymität einer grossen Schmucksammlung, vielleicht behält es seine Besonderheit und darf einmal einem anderen Menschen Kraft und Sicherheit spenden, oder sogar Glück.

2 Antworten

  1. Jan sagt:

    Liebe Charlotte
    Ein sehr schönes Porträt hast du da geschrieben. Mir gefällt deine Auseinandersetzung mit dem Glücksbringer. Dem Konflikt beim „unreligiösen“ Gebrauch eines religiösen Gegenstandes begegnet man immer wieder. Ich finde, dass du sehr spannend über dieses Thema geschrieben hast.

  2. Yael sagt:

    An diesem Porträt gefällt mir besonders das Hinterfragen im Bezug zu Religion. Es ist ein sehr toller Text mit spannenden Inhalt und vielseitigen Perspektiven.
    Super gemacht!

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