Truhe voller Erinnerungen

Bild: Nora Meister

Die wirklich wertvollen Sachen im Leben sind keine materiellen Dinge, sondern Erlebnisse, Freunde und Familie. Lia erzählt von ihrer Auffassung eines schönen Lebens und ihren ganz besonderen Glücksbringern.

Von Nora Meister

Schallplatten an der Wand, eine Kerze und Ringe auf dem Nachttisch, politische Sticker und viele Fotos von Freunden, Familie und fremden Orten am Schrank aufgeklebt bilden die angenehm warme Atmosphäre von Lias Zimmer. Mit ihren dunkelblonden Haaren und glänzenden braunen Augen passt die 17-Jährige perfekt in ihre Umgebung. Lia spielt schon lange Klavier und hat vor einem Jahr mit Jazz angefangen. Sie ist im dritten Jahr am Gymnasium, welches mit ihrem Rennvelo von ihrem Zuhause aus gut zu erreichen ist. Mit dem Velo geht es auch super an die Aare, in den Ausgang, an Flohmärkte oder quer durch die Schweiz bis ins Tessin zum Rustico ihrer Familie. Lia ist ein äusserst fröhlicher, neugieriger und lebenslustiger Mensch und liebt es besonders, Sachen mit ihren Freunden zu unternehmen. Lias Eltern haben beide Psychologie studiert, und arbeiten in Feldern, welche Kontakt zu Menschen sehr fördern. Von ihnen hat Lia ihre Offenheit und ihre sozialen Kompetenzen gelernt. Lias Mutter ist Yoga-Lehrerin, und steht so noch öfter als der Rest der Familie im Kontakt mit dem Buddhismus. 

Die Lebensart der Buddhisten 

Schon mit sechs Jahren entdeckte Lia ihre Begeisterung fürs Reisen und Abenteuererleben, denn in ihrem zweitem Kindergartenjahr startete sie mit ihrer Familie eine 8-monatige Reise durch ganz Südostasien. Die Reise war sehr prägend für Lia, auch wenn die Erinnerungen doch eher vage sind. Die Familie besuchte Thailand, Laos, Butan, China und die Philippinen. Somit lernte Lia viele verschiedene bunte Kulturen kennen, und mit ihnen auch den Buddhismus, welcher eine der grössten Glaubensrichtungen in Asien ist. Die friedliche Lebensweise und die Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft der Buddhisten dort war sehr beeindruckend. Lia lernte, einen Schrein aufzubauen, zu Ehren von Geistern, und machte mit bei dem täglichen Spenden von Essen an die Mönche. In Butan bekam Lia ein Bild von der Göttin Tara von ihrer Mutter geschenkt. Dieses Bild behielt Lia die ganze Reise über bei sich, und heute liegt es mit vielen anderen ihr wichtigen Gegenständen in einer Holztruhe. Tara ist die Göttin des Mitgefühls und ist eine Heilgöttin. Sie bewahrt Menschen vor den acht Lebensgefahren; Zweifel, Stolz, Geiz, Begierde, Verblendung, Zorn, Eifersucht und falschen Ansichten. Auch wenn Lia keine Mantras an die Göttin aufsagt oder gläubig ist, fühlt sie sich dennoch wohl und beschützt. 

«Ich brauche keine Religion und keinen Gegenstand, um mich glücklich zu fühlen. Aber ab und zu kann mir einer meiner Gegenstände Halt bieten, und dafür hebe ich sie alle auf.» 

Lia

Obwohl die ganze Familie nicht religiös ist, leben sie doch etwas wie die Leute in Thailand. Sie haben ihre Wohnung mit vielen Pflanzen dekoriert und einige Buddhafiguren sind aufgestellt. Lias Schwester Simea entschied sich schon mit vier Jahren auf der Asienreise dazu, vegetarisch zu leben. Der Einfluss des Buddhismus hat hier fraglos eine Rolle gespielt, aber auch die Fleischmärkte in China müssen prägend gewesen sein. Der Rest der Familie folgte ihrem Beispiel nach und nach, und so leben sie nun fast ausschliesslich vegetarisch. 

In ihrer Truhe ist neben dem Bild auch ein kleiner Keramikengel. Dieser stammt ebenfalls aus ihrer Kindheit, so wie die meisten Dinge in ihrer Truhe. Ihn hat Lia auch von ihrer Mutter bekommen und früher stand er immer neben ihr auf ihrem Nachttisch. Der Engel strahlte für Lia immer die Präsenz ihrer Mutter aus und spendete ihr Mut und Sicherheit. Wie viele Kinder auch besitzt Lia ein Stofftier, ihr ‹Tigerlein›, welches sie durch die Kindheit begleitet hat. Wo immer Lia hinging, ging der Tiger mit ihr. Er war ein Freund zum Spielen und ein Tröster in einsamen Momenten. Der Tiger hat heute vor allem viel sentimentalen Wert und Lia verbindet ihn ebenfalls mit vielen Erinnerungen.

Zuflucht in der kleinen Truhe

Die Truhe selbst hat Lia von ihrer Patentante bekommen. Sie ist nun bis fast an den Rand mit den verschiedensten Sachen gefüllt, unter anderem mit kleinen Engelsflügeln, welche sie von ihren Eltern bekommen hatte. Als sie die Flügel bekam, erfüllten diese fast ihren Traum, fliegen zu können, und machten Lia überglücklich. Die Truhe bringt ihr Sicherheit und Gelassenheit, vor allem wenn Lia sie öffnet, um ein bisschen in ihr herumzustöbern. Dann strömen ihr die Erinnerungen nur so entgegen, Kindheitsträume werden erweckt und die Nostalgie umgibt sie wie Musik in der Luft. Die Truhe und ihr Inneres beinhalten und bewahren die Wünsche und Hoffnungen, welche Lia verspürt hatte oder immer noch verspürt. Früher hatte Lia auch einen kleinen Stein, den sie immer in der Hosentasche dabeihatte, wenn sie einen Test schrieb. Dieser spendete ihr Glück und Ruhe, damit sie bei jedem Test ihr Bestes tun konnte. Den Stein hat sie verloren, aber er wurde durch eine kleine Schildkröte ersetzt, welche sie von ihrer Urgrossmutter bekommen hatte. Diese Schildkröte befindet sich momentan in Lias Schreibmäppchen in der Schule, und wenn sie einen Test schreibt, stellt sie die Schildkröte vor sich auf. 

Glücksbringer – Unsinn oder nicht?

Lia glaubt nicht, dass ein bestimmter Gegenstand ihr zu mehr Erfolg in der Schule und im Leben helfen kann. 

«Selbstvertrauen ist das wichtigste überhaupt. Ohne es wirst du nicht weit kommen. Ein Glücksbringer kann dich zwar unterstützen, wird dir aber die Arbeit nicht abnehmen.»

Lia

Sie glaubt dennoch, dass Vorbilder wie Götter oder Buddha eine bekräftigende Wirkung haben können. Wenn man weiss, dass jemand oder etwas hinter einem steht und aufpasst, dass nichts Schlimmes passiert, vertraut man mehr in sich selbst. Selbstvertrauen ist der Schlüssel zum Erfolg und Lebensgenuss – und um Selbstvertrauen zu erreichen, können viele Mittel sehr hilfreich sein. Unter anderem auch Glücksbringer. Lias Glücksbringer sind also eher mental bestärkende Dinge, welche sie von Menschen bekommen hat, welche ihr wichtig sind. Ein Glücksbringer kann aber auch die gegenteilige Wirkung haben, sprich, Schlechtes von einem fernhalten. Dort kann Lia eher nachvollziehen, warum man einen Glücksbringer hat. Sie selbst hat einen Traumfänger am Fenster über ihrem Bett aufgehängt, welcher sie vor bösen Träumen schützt. Auch wenn der Traumfänger wieder nur ein Symbol ist, wirkt er tatsächlich, da Träume nichts Echtes sind, sondern von ihrem Gehirn produziert werden. Zu wissen, dass der Traumfänger jegliche schlechten Träume abhält, ist also genug Versicherung für Lias Gehirn, keine Angst haben zu müssen, sodass dieses gar nicht auf die Idee kommt, etwas Schlechtes zu träumen.

5 Antworten

  1. Johanna sagt:

    Eine spannende Einsicht in das Thema ‚Glücksbringer‘, sehr schön geschrieben.

  2. lucia sagt:

    Ich habe erfahren, dass man nicht nur einen einzigen Glücksbringer haben kann. Erinnerungen lösen ganz spezielle Gefühle in einem aus, weshalb man Gegenstände oft mit Erinnerungen verbindet und diese dann als Glücksbringer bezeichnet. Mir gefällt wie einem die Lebensweise der fremden Person vermittelt wird und wie die Porträtierte Person voller Lebensenergie zu sein scheint. Sympatisch

  3. Leonie sagt:

    Hallo Nora,
    Ich finde deinen text sehr schön geschrieben. Die Beschreibungen gab mir das Gefühl mit dir und Lia im Zimmer zu sein. Ich habe sehr viel über die Familie von Lia und auch von Lia selber gelernt durch dein Porträit. Ich finde es eine sehr schöne Art „Glück“ in Ereignisse zu sehen.

  4. Noemi sagt:

    Mir gefällt der Text sehr! Vor allem wie Lia als Person beschrieben wurde und auch wie auf die einzelnen Gegenstände im Kästchen eingegangen wurde. Lias Haltung zum Selbstvertrauen hat mich sehr fasziniert.

  5. clara sagt:

    Was mir bei deinem Text gefallen hat, ist, dass Lia vom „Stereotyp Glücksbringer“ wegekommen ist und über das Selbstvertrauen erzählt hat. Somit hat sie eine neue und auch sehr spannende Art beschrieben, über die ich mir bis jetzt noch keine Gedanken gemacht habe, wenn ich an den Begriff Glücksbringer denke.

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